Wohlsborn

Lebenswerte Gemeinde im Weimarer Land

Kriegschronik 1914 – 1918 von Wohlsborn

Beitrag veröffentlicht am: 25.02.2015 | Autor: Ortschronist Thomas Fischer

Foto: Dr. Jochen Kummer

Vor 100 Jahren tobte ein Krieg in Europa, der sp├Ąter 1. Weltkrieg genannt wurde und vier lange Jahre dauerte.
Vieles wurde schon im vergangenen Jahr aus Anlass der 100-j├Ąhrigen Wiederkehr des Beginns dieses Krieges publiziert.
Wie diese Zeit in Wohlsborn empfunden wurde, hat Pfarrer Paul Kunze seit Beginn dieses Krieges aufgezeichnet. Diese ÔÇ×Kriegschronik 1914 ÔÇô 1918 von WohlsbornÔÇť, wie er sie nannte, umfasst 4 Teile:

    1. 28 in Kurrentschrift handgeschriebene Seiten ÔÇ×Kriegserlebnisse Wohlsborn ab 1914ÔÇť,
    1. die Schilderung der ÔÇ×Einweihung des Kriegerged├ĄchtnismalesÔÇť,
    1. ein ÔÇ×Verzeichnis der GefallenenÔÇť,
    1. eine ÔÇ×Liste der Kriegsteilnehmer aus WohlsbornÔÇť.

Der erste Teil wurde bereits in bearbeiteter und erg├Ąnzter Form in der ÔÇ×Wohlsborner Chronik bis 1990ÔÇť ver├Âffentlicht.

Hier sind der 1. und 2. Teil zu lesen. Sie entsprechen dem von Pfarrer Kunze aufgeschriebenen Bericht. Sowohl Rechtschreibung, als auch die Ausdrucksform waren in der damaligen Zeit aktuell, heute sind manche Passagen nicht mehr gebr├Ąuchlich.

Die Nachnamen wurden anonymisiert, um dem Datenschutz zu gen├╝gen.

Einige Erl├Ąuterungen zum Inhalt des Dokumentes:

Die wichtigste milit├Ąrische Formation in Th├╝ringen war das Infanterie-Regiment Gro├čherzog von Sachsen (5. Th├╝ringisches) Nr.94 und ein gro├čer Teil der aus Wohlsborn Einberufenen kamen in dieses Regiment zum Standort Weimar. Aber auch im Husaren-Regiment ÔÇ×Landgraf Friedrich II. von Hessen-HomburgÔÇť (2. Kurhessisches) Nr. 14, sowie in Bayern und auch in Pommern dienten Wohlsborner.

Jungdeutschland

Der Jungdeutschland-Bund war eine 1911 gegr├╝ndete Dachorganisation b├╝rgerlicher Jugendverb├Ąnde zur Wehrerziehung der deutschen Jugend.

Nachfolgend der Originaltext des 1.Teils, danach des 2. Teils:

Kriegserlebnisse ÔÇô Wohlsborn ÔÇô 1914/15; 16

Am 25. Juli hatten wir noch in aller Ruhe im Freien auf der Wiese des B├╝rgermeisters Erntebet Gottesdienst gehalten, ohne eine Ahnung davon, dass wir zugleich mit der schweren Zeit der Ernte in die noch schwerere eines V├Âlkerkrieges eintreten w├╝rden, in der der Schnitter Tod eine reiche Ernte zu halten bereit stand.

W├Ąhrend des kurzen Erntebet Gottesdienstes hatte sich der Himmel umd├╝stert, zum Zeichen dessen, was drau├čen in der weiten Welt der V├Âlkergeschicke sich anbahnte. Man dachte aber immer noch, das b├Âse Gew├Âlk w├╝rde sich wie dort, zum Erntegottesdienst, wieder verziehen. Aber immer mehr verdichtet es sich von Tag zu Tag Unheil drohend die allgemeine Mobilmachung, die ja noch nicht den Krieg selber bedeutet, wird erkl├Ąrt.

Am Sonnabend 31. Juli sa├č man in dem kleinen Bretterhaus zusammen, das einstweilen an Stelle des abgebrannten StrobachÔÇÖschen Gasthofs errichtet war, wartend, wie sich die Dinge weiter entwickeln, ob die Gase zur Explosion kommen w├╝rden. Da verk├╝ndet der schrille falsche Ton des Automobils, ein Ton der durch Mark und Bein und Herz hindurchgeht: der Krieg gegen Ru├čland und Frankreich ist erkl├Ąrt. Man nahm die Nachricht tief bewegt, aber sehr gefasst auf. Unsre hiesigen Leute sangen und sagten: Lieb Vaterland, magst ruhig sein, fest steht und treu die Wacht am Rhein!

Am Sonntag 1. August waren wir zu einem herzbewegenden Abschiedsgottesdienst versammelt, wo manche wehe Tr├Ąne floss. Es sei hier vorausgeschickt, dass bis Ostern wenigstens alle 2 ÔÇô 3 Wochen regelm├Ą├čige Kriegsbetstunden stattfanden, die gut besucht waren ÔÇô besonders als wir die Einquartierung hier hatten. Auch in den Sonntagsgottesdiensten ward in der Regel auf die Kriegsereignisse Bezug genommen. Es wurden von hier sofort zur Fahne einberufen:

Gefr. Erwin H., ein Ehemann, zur 6. Armee, 3. bairische ArmeeCorps, 5. Bair. Div., 18. Fu├č-Art.-Reg. leichte Munitionscolonne, steht zwischen Maas und Mosel bei St. Mohiel,

Karl W., Ehemann, Armeekorps Falkenhausen, 8 Comp., 10. Ersatz Div. 43. pom Ers. Brig. 83. pom. Ersatzbataillon,;

Paul M., Ehemann, zu den Marburger J├Ągern zu Fu├č;

Alfred K., Armeekorps Falkenhausen, 10. Inf.Div. 43 pom. Inf.Brig. 32 Inf. Reg. 44 Inf. Bat. 4Comp.,

Arno V., 94 Inf Reg Linie, 4 Compagnie.

Dazu kommen an ledigen Burschen folgende:

Alfred S., 3 Cav.Div., 4 Esk, 14 Hus.Reg. 22 Cav. Brig.,

Gefr. Oskar M., J├Ąger zu Pferd Nr. 7, 9. Cav.Div;

Hugo K., Oberheizer auf SMS Stralsund,

Gefr. Max V., 94 InfReg Linie, 1 Comp.

Walter K., eben dahin.

Hinzugerechnet zu den Wohlsbornern von vornherein wird der Enkel von Magnus H., Oskar V., der bei der 11 Komp. des 94. InfReg Linie steht.

Nicht vergessen sei auch der neuherein gezogene Ehemann Ernst U., 4 ResAC, 22 ResInvDiv 43 ErsBrig 94 InfReg 1. ErsBat 3Comp.

Zugleich werden von hier 16 St├╝ck Pferde eingezogen und gut, dh. mit 1200 ÔÇô 1500 Mk. bezahlt. Sie werden teilweise durch nachgeschaffte Ochsen ersetzt. Pferde, die nachbeschafft werden m├╝ssen, kosten den betr. Bewohnern sehr viel Geld, sind aber brauchbar.

Sehr betroffen war man, als man von Englands Kriegserkl├Ąrung an das Deutsche Reich vernahm.

Man frug auch hier ganz bedenklich: Ja ein Landkrieg ist auszuhalten. Aber kann Deutschland zugleich einen aussichtslosen Seekrieg gegen England durchfechten? Vom Ilmtal unten h├Ârt man herauft├Ânen das unaufh├Ârliche Gerassel der Eisenbahnz├╝ge, die nach Ost und West Tag und Nacht Soldaten, Kanonen, Bagagewagen usw. fuhren. Die Bahnen sind gesperrt und es dauert einige Zeit, bis der normale Zugverkehr eintritt. Man braucht zu der kurzen Reise nach Erfurt oft 4 Stunden, nach Halle 8ÔÇô10 Stunden. Die Bahnunter- und -├╝berf├╝hrungen sind streng bewacht, da feindliche Anschl├Ąge bef├╝rchtet werden.

Man spricht davon, da├č Spione sich massenhaft herumtreiben ÔÇô daher wird auch hier das Dorf am Tag und in der Nacht regelrecht bewacht. Eine Kette ist oben bei Louis K├Âditz ├╝ber die Stra├če gespannt und Verd├Ąchtige werden angehalten, ja einzelne mit Bedeckung nach Weimar transportiert. Bei dieser Arbeit unterst├╝tzen uns junge Leute von Jungdeutschland, die zu Erntearbeiten aus Weimar herausgeeilt sind. Wenn auch, manche sehr ungeschickt, so zeigen sich doch viele als brauchbar. Der Schulbesuch zwingt allerdings die jungen Leute, bald wieder nach Hause zur├╝ckzukehren, bald sind sie selber mit im Kriege. Die Feldarbeit geht sehr schnell vonstatten, da man durch ganz vorz├╝gliches Erntewetter beg├╝nstigt ist, so da├č innerhalb von drei Wochen die Ernte vom Felde herein ist. Man hilft sich gegenseitig reichem Ma├če, so da├č auf ein und demselben Feld manchmal ├╝ber 10 Leute zusammen sind. Die B├Ąume h├Ąngen voll Kirschen und diese gehen teilweise zugrunde, da nicht genug H├Ąnde da sind, den gro├čen Reichtum zu bergen.

Die anf├Ąnglichen gro├čen Siegesnachrichten, die sich f├Ârmlich ├╝berst├╝rzten, waren sofort im Dorfe an den Telegrafenmasten oder Pappeln angeschlagen und eifrig studiert. Am 5. August fr├╝h 6 Uhr ├╝berflog der Zeppelin ÔÇ×HansaÔÇť unseren Ort, nach Osten fahrend. ├ľfters hatten wir auch in der Kriegszeit das Schauspiel von Fliegern, die friedlich ├╝ber die Flur dahinsurrten, auch auf ├ťbungsfl├╝gen begriffen.

Sehr viel Arbeit hatte der Gemeindevorstand, da immer neue Erlasse der Beh├Ârden bekannt zu geben waren und daher finden im Verlauf des Krieges sehr oft Gemeindesitzungen statt, die meist friedlich verliefen. Man schlie├čt sich in der Not der Zeit eng zusammen, Herz an Herz. Man murrt zwar zuweilen ├╝ber die Beh├Ârde, die sich so sehr um alle bem├╝he und bek├╝mmere. Aber man sieht doch ein, besser ist ein Mehr von Vorsicht und Umsicht als ein zu Wenig.

Es wird ein Ortskommitee des Roten Kreuzes hier eingerichtet, zu dem au├čer dem Pfarrer, Oswald L., Fritz R. und Robert F. zugeh├Âren. Demselben liegen folgende Aufgaben ob: Einmal m├╝ssen Sammlungen f├╝r das Rote Kreuz im Allg. veranstaltet werden, Sammelstelle Weimar. Dann sollen regelm├Ą├čige Spenden an die hiesigen Krieger abgehen, die aus Lebensmitteln, Rauchwaren, Wollsachen usw. bestehen. Es wird reichlich gegeben und werden mit der Zeit ├╝ber 1500 Mk. gesammelt, verwendet und abgeliefert, z.B. die Ostpreu├čen, die Marine usf. Es werden auch direkt K├Ârbe von ├äpfeln und N├╝ssen an die Lazarette in Weimar abgegeben.

Die Ortsbewohner klagen sehr dar├╝ber, wie oft die von ihnen gesendeten Gaben an die Adressaten nicht ankommen. Aber nach und nach scheint die Post in ihre schwere Aufgabe und Arbeit sich einzuleben, so dass bes. aus Frankreich die Briefe recht schnell in 4 bis 6 Tagen einlaufen.

Sehr erbittert ist man auch, als die Nachricht einlief, Japan wolle an der Seite der Dreibundm├Ąchte gegen uns Krieg f├╝hren. ├ťberall spricht man vom Krieg und Leute, die seither auf der Landkarte wenig bewandert waren, finden sich jetzt auf derselben recht schnell zurecht. Es st├Ąrkt sich auch das Interesse an den allgemeinen vaterl├Ąndischen Zust├Ąnden und hat man gro├čes Zutrauen zu der Umsicht der deutschen Regierung.

Im September und Anfang Oktober hatten wir hier 136 Mann auf 1 ÔÇô 3 Wochen zur Einquartierung, Freiwillige, die bei str├Âmendem Regenwetter ankamen. Es wurde uns Kostgeld gezahlt 1,20 Mk. pro Tag und Mann. Die jungen Leute, hier zu verpflegen, war uns eine gro├če Freude, wenn sie uns auch ihres Dienstes an den landwirtschaftlichen Arbeiten wenig zur Hilfe sein konnten. Sie haben sich auch wiederholt ├╝ber die guten Quartiere in Wohlsborn voller Dank und Anerkennung ausgesprochen und wie ihre vielen aus der Ferne gesendeten Gr├╝├če best├Ątigen und ein treues Andenken bewahrt.

Leider wurde die Winterbestellung durch lang anhaltendes tr├╝bes und nebelichtes Wetter bis weit in den November hinein ganz bedeutend aufgehalten doch der Dezember hatte recht g├╝nstige Tage, so da├č alles nachgeholt werden konnte. Es ist sehr viel Winterfeld vorsorglich bestellt worden und ausdr├╝cklich wurde beh├Ârdlich vorgeschrieben, im Fr├╝hjahr alles ├╝brige Feld zu bestellen, ohne Brache zu lassen. Wer Feld unbestellt l├Ą├čt, dem soll dasselbe abgenommen und f├╝r die Gemeinde in Ordnung gebracht werden.

Im Fr├╝hjahr, dessen Kommen allerdings diesmal recht lange auf sich warten l├Ą├čt, zeigt es sich, da├č das Winterfeld sehr gut durchgekommen ist. Es war ziemliche Zeit von einer Schneedecke bedeckt und hatte reichliche Winterfeuchtigkeit. Was diese letztre betrifft, so war sie st├Ąrker als jedes fr├╝here Jahr. Die Keller standen allerorts voll Wasser. So hatte Karl H. dasselbe 8 Stufen hoch. Bei B├╝rgermeisters waren ca. 100 Ztn. einige Tage von allzurasch aufquellendem Wasser ├╝berflutet und mu├čten schnell heraus geschafft und getrocknet werden, eine m├╝hselige Arbeit, aber sie wurde geschafft.

Im Felde stehen viele Getreide- und Strohdiemen, aber m├Âglichst bis zum 15 Dez m├╝ssen sie abgefahren sein, da Brandstiftungen bef├╝rchtet werden. Ja es ist im Dezember einige Tage deswegen des Nachts gewacht worden. Von der Regierung gelangen strenge Verhaltensma├čregeln an, da├č und wie sparsam mit den Futtermitteln und Lebensmitteln umgegangen werden soll, damit dieselben m├Âglichst bis 15. August dh. zur n├Ąchsten Ernte reichen. Wiederholt mu├č die Gemeinde deswegen zusammengerufen werden. Der B├╝rgermeister hat viel zu tun und ist gezwungen, da auch sein Stellvertreter Osw. L. eingezogen ist, sich f├╝r diesen einen Stellvertreter einstweilen nachw├Ąhlen zu lassen. Es wird hierzu Albin V. bestellt.

Der Gesangverein hat seine ├ťbungen eingestellt, der Kriegerverein, der ebenfalls einen betr├Ąchtlichen Teil seiner Mitglieder vermi├čt, kommt selten zusammen, haupts├Ąchlich zu Unterst├╝tzungszwecken. So werden Wollsachen aus Mitteln desselben f├╝r die Krieger gestrickt. Wie dem Ortscomite f├╝rs Rote Kreuz, so kommen auch der Kriegervereinskasse nicht unwesentliche Betr├Ąge zu, so 50 Mk die m├Âglichst unter die gl├╝cklich heimkehrenden Soldaten zur Verteilung kommen sollen.

Auf den Kopf der Bev├Âlkerung werden pro Monat 9 kg Getreide = 7,2 kg Mehl bestimmt. Das Getreide mu├č bis 80 bzw 82% ausgemahlen sein. Wer Brot kaufen mu├č, erh├Ąlt Brotmarken und kann mit denselben w├Âchentlich ├í Person 3 Pfd. kaufen. Dasselbe ist mit Kartoffelzusatz gebacken. Sieht dunkel aus, l├Ą├čt sich aber, zumal wenn man Hunger hat, ganz gut essen. Kuchen wird nur noch Donnerstag gebacken, da der Verbrauch des Weizenmehles beschr├Ąnkt ist. Besonders schlimm steht es f├╝rs Vieh, da K├Ârnerf├╝tterung bei Strafe unterbleiben mu├č. Was Getreide bei den Einzelnen vorhanden ist und wie damit gewirtschaftet wird, wird controlliert. Hierzu sind Ehrhold R. und Bernhard H. bestimmt.

Im hiesigen Ort sind 87 Ztn. Kleie zugeteilt; seinen 60 Pfd. betragenden Anteil l├Ą├čt der B├╝rgermeister ├Ąrmeren Leuten zukommen. Auch die Kartoffelbest├Ąnde werden aufgenommen. Der H├Âchstpreis wird auf 5,25 Mk. festgesetzt. Der Gemeinde wird zur Verf├╝tterung Zuckerfutter (Zuckerschnitzel) angeboten, aber es wird hiervon wenig Gebrauch gemacht. Gl├╝cklicherweise ist vom vorigen Sommer hier noch sehr viel d├╝rres Futter vorhanden.

Von den Eingezogenen erhalten die bed├╝rftigen Familien Unterst├╝tzung seitens der Gemeinde und zwar bis jetzt 10 Familien. Es sind gerechnet auf die Person 9 Mk und jedes Kind 3 Mk pro Monat. Das Unterst├╝tzungscomite besteht aus dem B├╝rgermeister, Pfarrer, Ehrhold R. und Paul H.

Es langt die Nachricht an, da├č Wilhelm H. s├╝dlich von Gumbinnen (Ostpreu├čen) gleich am Anfang verwundet ist und in Costis im Lazarett liegt. Nach einiger Zeit ist er zur Erholung in Weimar und hier, um bald wieder zur Front nach Kalen beordert zu werden.

Auch der Matrose Hugo K. ist auf kurze Tage zum Besuche hier, nachdem er die Beschie├čung der englischen K├╝ste und die Seek├Ąmpfe bei Helgoland mitgemacht hatte.

Arno Vogel weilt ebenfalls einige Zeit hier. Er hat die schweren K├Ąmpfe bei Lodz mitgemacht, in der das 94. Linienregiment gro├če Verluste erlitt.

Da ist Walter K. gefangen genommen worden. Er sendet Nachricht aus Soberen, doch wo er steckt, dar├╝ber sind wir im Ungewissen.

Max V. wird f├╝r tot gehalten, da das von Kameraden nach hier geschrieben ist. Da meldet er sich als lebend aus dem Lazarett in Liffa an. Tats├Ąchlich war er auf dem Schlachtfeld verwundet und mit Schnee bedeckt liegen geblieben. Aber er wird von den Russen gefunden und mit nach Lodz geschleppt. Hier wird er von den deutschen, als sie Lodz eroberten, aufgefunden. Das falsch eingerichtete Bein mu├č in Liffa noch mal eingerichtet werden. Liegt jetzt hier in Weimar.

Auch Oskar M. war einige Tage zum Besuch da, er war die meiste Zeit in Belgien (Mecheln) gewesen und ist jetzt in Trni.

Sein Bruder Paul ist kriegsgefangen in Toulouse und hat es anscheinend ertr├Ąglich. Wenigstens steht er in fortw├Ąhrend brieflicher Verbindung mit seinen Angeh├Ârigen.

Aus Wohlsborn sind nach und nach weiter eingezogen: Lehrer Fleischhack, jetzt in Flandern; Oswald L. zur Kriegsgefangenenbewachung in Ohrdruf. Ebendort ist Alfred M., w├Ąhrend Willy H. in Langensalza ist. Wilhelm M. sichert die belgische Grenze gegen├╝ber Holland bezl. die dort internierten Belgier und Engl├Ąnder. K. und Walter E. sind bereits in Polen, ebenso Arno M. Willy F., T., N. werden in Weimar, Heinrich D. in Jena eingezogen. Hugo L. ist als Rekrut nach Weimar eingezogen. Edgar K. ist zur Bewachung der Festung Marke kommandiert, w├Ąhrend Alfred H. in Frankreich steht.

So mu├č auch Wohlsborn seinen Teil zur Verteidigung des Vaterlandes beitragen und so m├╝ssen wir unsere Gedanken bald dort- bald hierhin senden, nach Ost und West, um bei unseren Leuten zu sein.

Zur Vorbildung f├╝rs Milit├Ąr wird auch hier eine sogenannte Jugendwehr eingerichtet, leider nicht zwangsweise, denn es ist den jungen Leuten mehr oder minder freigestellt, ob sie kommen wollen oder nicht. Das hat schon zu allerlei Verdrie├člichkeiten gef├╝hrt, die der guten Sache nicht zum Vorteil gereichen. Das Commando ├╝ber die Jugendwehren aus Gro├č-, Kleinobringen, Heichelheim, Sch├Ândorf, Wohlsborn, Sachsenhausen (Unterf├╝hrer Ernst L.), Liebstedt und Goldbach hatte erst der B├╝rgermeister L. aus Gro├čobringen, dann S. aus Goldbach.

Eine private Jugendwehr im Kleinen ist die hiesige Schuljugend denn diese ist sehr eifrig daran, Gefechte zu liefern und Schlachtenpl├Ąne zu entwerfen. Nachdem der Lehrer F. im Oktober zum Heeresdienst eingetreten war, traten an seine Stelle der hiesige Pfarrer und der Lehrer L. von Sachsenhausen. Statt bisher 32 konnten nur noch 20 Schulstunden erteilt werden. Im Sommerhalbjahr ist in R├╝cksicht auf die landwirtschaftliche Beihilfe der Kinder der Unterricht so gelegt, da├č alle Dienstage und Freitage ganz schulfrei sind, an den anderen Wochentagen wird nur vormittags Unterricht gegeben und zwar 7-12 Uhr. Das Orgelspiel wird von J. Albert R. besorgt. Die Kinder werden in den Schulstunden immer auf die Gr├Â├če der Zeit hingewiesen, die sie miterleben d├╝rfen, sie zeigen daf├╝r warmes Interesse und schreiben Briefe an unsere Soldaten. Auch sammeln sie Wollsachen, die zu Schlafdecken umgearbeitet werden sollen. Es kommt hier ein ganz gro├čer Wagen zusammen, der nach Weimar abgeliefert wird. Auch alter Gummi wird von den Kindern gesammelt.

Wer noch Gold hat, gibt es auch hier ab und auf die zweite Kriegsanleihe besonders wird auch hier gut gezeichnet. Wieviel, das l├Ą├čt sich nat├╝rlich nicht bestimmen, doch kann verraten werden, da├č Betr├Ąge zu 1000, 2000, 5000 Mk auch hier gezeichnet wurden.

Leider sind die hiesigen Lokalit├Ąten so, da├č ein gro├čer patriotischer Abend unterbleiben mu├čte. Vielleicht kann im Sommer bei g├╝nstiger Witterung ein solcher im Freien stattfinden. Zu Kaisers Geburtstag war der Kriegerverein nach geschehenem Kirchgang mit seinen Angeh├Ârigen zu einer kleinen ernsten Feier zusammen. Am 2. Osterfeiertag ward in der Kirche das Reichskanzlers a.D. Bismark dankbar gedacht. Die Krieger erbitten lebhaft die Heimatkl├Ąnge und erhalten sie mit anderen Schriften erbaulichen Inhalts zugesendet. Auch werden hier 4 Exemplare gelesen von der Kriegschronik, Kriegs- und Ruhmesbl├Ątter 1914/15, welche in kurzen Daten und Z├╝gen die Ereignisse der gro├čen Zeit wiedergeben.

Der Landwirtschaft werden Gefangene als Hilfskr├Ąfte angeboten, doch verzichtet man lieber darauf, da die Gemeinde Wachen stellen soll. Einige von hier haben auch das gro├če Gefangenenlager in Ohrdruf besucht, erstaunt ├╝ber die musterhafte Ordnung, die dort herrscht. Auch hat man beste Gelegenheit, die vielen Lazarethe in Weimar zu besuchen. Immerfort sieht man auch neue Truppen- und Waffentransporte besonders Ende April nach Ost und West gehen, so beobachtete die Schule auf einem Spaziergang einen ganzen langen G├╝terzug mit Transportwagen, die nach Ru├čland gingen. In der Waggonfabrik in Weimar bei Hetzer und wird drauf und dran f├╝r Milit├Ąrzwecke gearbeitet, an Arbeitsgelegenheit und dem entsprechenden Verdienste fehlt es nicht. Aber bei den wachsenden Preisen der Lebensmittel ist auch fast schwieriger, die Familie zu ern├Ąhren. Manche Sachen z.B. Reis, Kakao, Kokosnu├čbutter, besonders Petroleum sind fast nicht zu haben, so auch die H├╝lsenfr├╝chte. Manche Ortsbewohner sind dadurch gezwungen, sich elektrisches Licht anzulegen; womit sie sonst wohl noch eine Zeit gewartet h├Ątten.

Bemerkenswert ist es, da├č gerade jetzt so viele Kinder und zwar in der Mehrzahl Knaben zur Welt kommen. Der Kaiser, sagt man, braucht ja nur Soldaten.

Mit Ende April tritt eine sehr sonnige Zeit ein, die ja zun├Ąchst die Beschleunigung der Feldarbeit zu Gute kommt. Aber auch das sch├Ânste Wetter bekommt man, wenn es zu lange anh├Ąlt, ├╝berdr├╝ssig, und sehns├╝chtig schaut man nach der Wetterfahne hinauf, ob sie, die beharrlich auf Ostwind deutet, sich eines Besseren besinnt und von West nach Ost sich richtet. Man wundert sich nur, da├č jetzt anfangs Juni, wo diese Zeilen geschrieben sind, die Feldfr├╝chte trotz der gro├čen Trockenheit noch so verh├Ąltnism├Ą├čig gut stehen. Freilich in den G├Ąrten kann so gut wie nichts gepflegt werden.

Nun, Ende Mai, sind schon ├╝ber 30 von hier zum Kriegsdienst eingezogen und andere die noch zur├╝ckgeblieben sind, warten t├Ąglich darauf, da├č auch sie noch einberufen werden, Man w├╝rde ja, so sagt man sich auch hier, wohl mit der Kriegslast bald zu Ende sein, wenn nicht zu guter Letzt das ungetreue Italien auch noch zu den Waffen gegriffen h├Ątte. Dadurch verl├Ąngert sich ja der Krieg, dessen Ende man sich mit Schmerzen herbei sehnt. Denn schon beginnt ein zweites Kriegsjahr und man bef├╝rchtet, da├č es zu einem zweiten Winterfeldzug kommen w├╝rde. Wieder gehen ungeheure Z├╝ge mit Munition und Kriegsmaterial, insbesondere auch mit Mannschaften ab, zumal nach der russischen Grenze, denn dort wird die russische Grenze mit Gewaltschritten von der Weichsel, Narew und dem Brieg zur├╝ckgetrieben, um zun├Ąchst bei Brest-Litowsk neue Zuflucht zu suchen. Warschau wird genommen. Bei diesen K├Ąmpfen sind unsere vierundneunziger stark beteiligt und erleiden viele Verluste. So soll Arno M., Sohn des B├╝rgermeisters auf diesem polnischen Schlachtfeld den Heldentod gelitten haben. Oswald L., der so lange im Ohrdrufer Gefangenenlager Wachdienste getan hatte, ist nach Polen in den Kampf gekommen. Leo B., als Fahrer im Krankenhaus besch├Ąftigt wird gichtleidend und mu├č vor├╝bergehend ins Lazareth.

Ende Juli beginnt bei sehr g├╝nstigem Wetter die Ernte und geht sehr von statten, so da├č sich das Fehlen der Arbeitskr├Ąfte gar nicht so sehr f├╝hlbar macht. Weizen und Roggen ergeben einen reichen und guten K├Ârnerertrag, Gerste und Hafer sind mangelhafter. Als Sachpreise f├╝r letztere beiden sind 15 Mk, f├╝r erstere 13,50 Mk festgesetzt. Man sagt, es sei im Durchschnitt eine gute Mittelernte, so da├č man das rum├Ąnische Getreide, das endlich dort freigelassen wird, gar nicht brauche. Immerhin es werden noch Brotkarten ausgegeben, dazu kommen noch Mehlkarten. Die Lebensmittelpreise steigen, die Schweine kosten pro Zentner sogar 155 Mk und man lernt immer mehr mit den Gottesgaben sparsam umgehen. Auch liest man in den Zeitungen, die Lust, Liebesgaben ins Feld zu senden, ermatte. Jedoch von hiesiger Gemeinde sind bisher immer noch in regelm├Ą├čigen Pausen von 3-4 Wochen solche Gaben gesendet worden und haben, wie die vielen Dankesbriefe best├Ątigen, viele Freude bereitet. Es wurden auch von Schulkindern und jungen M├Ądchen Gaben f├╝r die Lazarethe gesammelt, 500 St├╝ck hier, viele ├äpfel Zigarren, Speck und 6 blumengeschm├╝ckte K├Ârbe in dieselben nach Weimar von letzteren getragen. Rechnet man alles zusammen, was im Lauf des ersten Kriegsjahrs gesammelt und abgegeben bez. abgeschickt ist an Geld und Lebensmittel, so werden 2000 Mk kaum reichen.

Aber die Liebe h├Âret ja nimmer auf. Das ist unsre Hoffnung und unser Gebet. In der Erntezeit erhalten viele Krieger Urlaub und es ist mir gro├če Freude, z.B. Karl W., Erwin H., Ernst U. nach Jahresfrist gesund und munter wieder daheim zu sehen. Man macht die angenehme Beobachtung, da├č unsre Soldaten da drau├čen recht stramm werden und wohlgen├Ąhrt aussehen.

Mitten in der Ernte kommen erhebliche Regeng├╝sse, die dieselbe zwar aufhalten, aber f├╝r das Wachstum der Runkeln oder Kartoffeln sehr vorteilhaft sind. Das Wetter ist k├╝hl, k├╝hler, als es sonst um diese Zeit zu sein pflegt. Darum wollen die Gurken nicht recht wachsen.

Am 1. Aug. abends haben wir zu Ehren von Hugo Z., der bei Oskar W. in Dienst gestanden war, einen erhebenden Trauergottesdienst gehabt. Er war auf den Schlachtfeldern von Polen gefallen. Es fielen au├čerdem auf den Gefilden Ru├člands Arno M., Sohn des B├╝rgermeisters, Wilhelm H., Sohn des Landwirts Paul H. und Oskar V., Enkel des Landwirts Oskar V., alles sehr brave junge Leute, die wir in der Gemeinde in bestem ehrenden Andenken behalten werden. Diesen drei letzteren zu Ehren ist von Herrn Pfarrer Haupt ein Ged├Ąchtnisgottesdienst gefeiert worden, leider nicht vom Ortsgeistlichen, dieser war vom August bis Mitte November an Nervenst├Ârungen und Verdauungsbeschwerden erkrankt, und war zwecks seiner Heilung in dieser Zeit vom Orte fast immer abwesend. Daher ist es ihm vorderhand auch nach Wiederaufnahme seiner Gesch├Ąfte nicht m├Âglich, den Schulunterricht mit zu halten und es liegt der Gemeinde seitens des Herrn Bezirksschulinspektors die Frage vor, ob es unter diesen Verh├Ąltnissen nicht geraten sei, die Schulen von Wohlsborn und Sachsenhausen zusammenzulegen, also die hiesigen Kinder nach Sachsenhausen zu weisen, dies aber wird von der Gemeinde abgelehnt. Die Kenntnisse der Kinder leiden allerdings Schaden, wenn nur die geringe Zahl von 15 Stunden erteilt wird. Aber andererseits f├╝rchtet man f├╝r die Gesundheit besonders der kleineren und schw├Ącheren Kinder.

Im Verlaufe des Herbstes sind verschiedene Wohlsborner vor├╝bergehend in die Heimat beurlaubt, so Erwin H., Walter K., Alfred K. Albert R., in Galizien schwer verwundet, liegt in Weimar, Sophienstra├če, im Lazareth und geht seiner Genesung entgegen. Arno und Max V. sind schon lange Zeit in Weimar und bilden Rekruten aus. Neu eingezogen sind Max H., Fritz R., August M., Otto M., Rich. N., L. B., Max H., Hermann K., Otto S., Hugo L., von denen einige bereits in Feindesland, in Ru├čland, Frankreich, Belgien, ja Serbien (M. Hayne als Fahrer) stehen.

Da der Pfarrer nicht ortsanwesend und leidend ist, erleidet der Verkehr zwischen ihm und den Kriegern bezl. die Sendung von Liebesgaben eine unliebsame Pause. Aber umso mehr senden die Einzelnen an ihre Soldaten, die Woche oft 6-8 Paketchen mit Decken und dergl. Sobald der Pfarrer zur├╝ck war, wird in der Gemeinde eine Sammlung zwecks Weihnachtsgaben veranstaltet. Diese ergibt das Resultat von ca. 110 Mk ohne einigen Lebensmitteln. Vorher schon waren ca. 75 Mk f├╝r die Lazarethe in Weimar und Nahrungsmittel in der Gemeinde gesammelt, und zum Opfertag des Roten Kreuzes am 3. Nov. ├╝ber 100 Mk eingekommen. Auch sind H├╝hner und Tauben f├╝r die Ostpreu├čen gespendet worden. Wir sehen es ├Âffnen sich immer wieder hilfreiche Herzen und H├Ąnde, und es sind eigentlich nur ganz wenige, die ihre Tasche zuhalten oder entsprechend ihren Mitteln so gut wie nichts spenden.

Die Kartoffelernte wird sehr durch N├Ąsse aufgehalten, ergibt aber ein sehr befriedigendes Resultat. Ende Oktober und Anfang November haben wir wieder gutes Wetter. Doch mit Mitte November setzt der Winter, noch zu fr├╝h ein. Er bringt aber gl├╝cklicherweise ziemlichen Schnee, so da├č die Saat wohlgeborgen ruht. An Futtermitteln ist Knappheit vorhanden, daher sieht man sich gen├Âtigt, wo irgend entbehrlich, K├╝he, Schafe usw. fortzuschlachten. Schweine zur Aufzucht gibt es wieder in den St├Ąllen, obwohl sie teuer, das Paar zu 50 Mk, eingekauft werden m├╝ssen. Erste Ware wird aber auch der Zentner Lebensgewicht bis zu 200 Mk verlangt und auch bezahlt, so da├č schlie├člich feste Preise festgesetzt werden. Die Landwirte m├╝ssen auch ihre Kartoffelvorr├Ąte f├╝r die Allgemeinheit zur Verf├╝gung stellen, und d├╝rfen f├╝r ihren Bedarf nur einen gewissen m├Ą├čigen Prozentsatz zur├╝ckbehalten.

Man sehnt sich allgemein nach einer Beendigung des Krieges, der so auf alle Verh├Ąltnisse dr├╝ckt, aber der Friede will noch nicht kommen und mu├č man sich geduldig in die unab├Ąnderlichen Verh├Ąltnisse schicken. Aber es fehlt so jede rechte Freudigkeit, und selbstverst├Ąndlich wird auf jede au├čerkirchliche Feier des Erntedank- und Kirchweihfestes auch diesmal verzichtet. Die Ausgaben der Gemeinde steigen sehr bedeutend, da ihre Mittel durch die Kriegsunterst├╝tzungen sehr in Anspruch genommen werden. Werden auch nicht alle Unterst├╝tzungsgesuche ber├╝cksichtigt, so bleiben deren genug ├╝brig, die Genehmigung finden und die Gemeinde belasten. Aber es ist ja heilige Christenpflicht, wahrhaft Bed├╝rftige zu unterst├╝tzen. An m├Ąnnlichen Arbeitskr├Ąften fehlt es zu sehr, umso mehr Anerkennung verdienen die, welche noch hier sind und ├╝berall Hand anlegen, da und dort zu helfen, so da├č die Feldarbeiten bis zur Einwinterung im gro├čen Ganzen besorgt werden. Unser Lehrer Fleischhack wird Leutnant und da├č er uns nicht vergessen hat, sieht man daran, da├č er uns im November besucht. M├Âge es ihm weiter so gut gehen, wie bisher!

So kommt zum zweiten Male im Kriege das liebe Weihnachtsfest heran und es ist einfach menschlich und christlich, da├č in der Predigt aber das Thema ÔÇ×Und Frieden auf ErdenÔÇť. Friedensgedenken und Friedensw├╝nsche f├╝r das neue Jahr zum Ausdruck gelangen. Die Gottesdienste werden gut besucht, besonders wenn sie in abendlicher Feierlichkeit und Stille stattfinden. Nur die Ziffer der Abendmahlsbesucher ist auf nur 51 Personen herabgesunken. Der Collektenertrag f├╝r 1915 ist reichlich ausgefallen, fast 100 Mk, ein Beweis, da├č trotz der vielen privaten Sendungen ins Feld und den Gaben f├╝rs Rote Kreuz doch noch Liebe und Interesse genug f├╝r die kirchlichen Aufgaben der Gemeinde und das Reich Gottes vorhanden ist. An die Krieger wurden als Weihnachtsgabe wieder stattliche Pakete gesendet, an Zahl 35, und viele Dankschreiben aus Ost und West daf├╝r sind zur├╝ckgekommen. Die Witterung seit Weihnachten bis Mitte Januar ist recht unfreundlich, zwar auffallend mild, aber sehr na├č und st├╝rmisch. Wie m├Âgen die drau├čen unter diesem Wetter zu leiden haben, eine schwere Pr├╝fungszeit!

S├Ąmtliches Kupfer wird beschlagnahmt und so m├╝ssen denn auch hier statt der kupfernen Kessel andre, besonders aus Stahlblech angeschafft werden. Ebenso werden die Textilwaren und was f├╝r unseren Ort ganz besondere Bedeutung hat, die zur Gewehrverarbeitung brauchbaren Nu├čb├Ąume beschlagnahmt. Doch sie werden nicht gleich abgeschlagen, m├╝ssen aber bei Bedarf jederzeit dem Reiche zur Verf├╝gung stehen. Hoffentlich wird unser Ort nicht oder nicht zu sehr dieser Zierde und dieses Schutzes beraubt werden m├╝ssen. Waren im Verlaufe des Sommers bedeutend mehr Zusatzkarten zu den Brotmarken (jeder erh├Ąlt nach letzter 4 Pfd Brot f├╝r die Woche) ausgegeben und im Umlaufe, so wurde der Versorgung halber mit Beginn des Jahres 1916 ein gro├čer Teil dieser Zusatzkarten zur├╝ckgezogen, so da├č nur schwer Arbeitenden ├╝ber das schulpflichtige Alter hinaus sind und unter 2400 Mk Einnahmen haben, solche erhalten k├Ânnen. Immerhin reicht das auch den Selbstverbrauchern zugebilligte Quantum an Mehl und Brot aus, und es ist hierorts, Gott sei Dank, noch keine Not zu sp├╝ren, wenn auch das Kuchenbacken noch immer gr├Â├čre Einschr├Ąnkung erf├Ąhrt. Nach und nach macht sich aber der Mangel an Schweinen recht f├╝hlbar. F├╝r Ferkel und L├Ąufer werden geradezu ungeheuerliche Preise gefordert und auch gezahlt, man h├Ârt f├╝rs Paar 70 Mk f├╝r Schweine ist, wie f├╝r die meisten andren Lebensmittel ein H├Âchstpreis fest gesetzt. Auch beginnen Fette und ├ľl in Mangel zu kommen. Dennoch l├Ą├čt hier wenigstens die Mildt├Ątigkeit und Opferwilligkeit noch nicht nach f├╝r die Feldgrauen sind im Januar 1916 wieder au├čer Lebensmitteln neue 119,50 Mk gesammelt, wobei einzelne Gemeindemitgliedern je 5 Mk, ja sogar 15 Mk gespendet haben. Nachdem au├čer den Weihnachtspaketen danach kleine Pakete mit Zigarren und Tabak an unsre Feldgrauen geschickt waren, k├Ânnen somit wieder verschieden male Liebesgaben der Gemeinde an die Krieger abgehen. Gegen Ende Januar ist aus der nassen Witterung eine trockne heitre geworden, zwar etwas k├Ąlter, aber doch v├Âllig ertr├Ąglich, so da├č vorderhand wohl auch f├╝r die ohne Schneedecke daliegende Saat keine Sch├Ądigung zu bef├╝rchten sein wird. Der milde Winter erlaubt es, da├č zur Pflege der ├äcker fortlaufend gesorgt werden kann, so Gott gibt, mit bestem Erfolg.

Ende Februar des neuen Jahres 1916 hatten wir ziemlichen Schnee, der unsre Wintersaat vor etwaigen Fr├╝hjahrsfr├Âsten deckte. Mitte M├Ąrz ist er wieder fortgeschmolzen, und die Saat zeigt sich in seltner F├╝lle und Sch├Ânheit. M├Âge sie der liebe Gott weiter treu beh├╝ten! Denn alles wird teuer und knapp, selbst das sonst in Deutschland so reichlich vorhanden Zucker, der nur noch pfundweise zu haben ist. Aber die Regierung sorgt so gut sie kann. So werden H├╝lsenfr├╝chte und Sonnenblumenkerne zur ├ľlgewinnung der Gemeinde angeboten, auch Arbeitskr├Ąfte. Doch wird von letzterem Angebot kein Gebrauch gemacht. Bedauerlich ist es, da├č die um den Ortsteich stehenden Pappeln zum gro├čen Teil umgehauen werden m├╝ssen, es kommen daf├╝r nur ca. 70 Mk zur Gemeindekasse ein. Eine neue 4te Kriegsanleihe wird ausgeschrieben und insbesondere auch eine m├Âglichst zahlreiche Beteiligung der Landbev├Âlkerung gerechnet. Es m├╝ssen eben alle Kr├Ąfte aufs ├äu├čerste angespannt werden, da├č wir den Krieg und somit den Frieden gewinnen. Denn bei dem Trotz und der Hartn├Ąckigkeit der Gegner, die alles gegen uns mobil machen, selbst das bischen Portugal und die das arme, neutral bleibende Griechenland so plagen, kann leider nur der Krieg den Frieden bringen und zwar unser Sieg, da bei einer Niederlage unsrerseits es uns sehr traurig gehen w├╝rde. Wie hartn├Ąckig die Feinde sind, zeigt sich bei ihrem Widerstand um Verdun, wo wir nur langsam St├╝ck f├╝r St├╝ck vorw├Ąrts kommen k├Ânnen. Viele Lasten, Sorgen und Schmerzen, aber man hat sich daran gew├Âhnt und tr├Ągt sie gottergeben, wenn auch die sehns├╝chtige Frage nicht verstummen will, wann denn das Ende komme. Jedenfalls lernt mancher, der fr├╝her nie recht daf├╝r gedankt hatte, jetzt das hohe Gut eines gesicherten Friedens sch├Ątzen. Ob und wie diese schwere Zeit auf den Einzelnen einwirkt, ob bessernd, wie wir hoffen, oder f├╝r Religion und Moral ung├╝nstig, wie wieder andre sagen, das l├Ą├čt sich nicht genau bestimmen. Das liegt nicht am guten Willen des Einzelnen. Jedenfalls aber m├╝ssen denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen und nichts auch Not und Tod nicht, mag uns schaden von der Liebe Gottes, die in Christo Sohn ist, unserem Herrn.

Im M├Ąrz 1916 langt hier die betr├╝bende Nachricht an, da├č der einzige Sohn des Landwirts Andreas D., Heinrich ein Ehemann und Vater von 4 kleinen Kindern bei Cartepont in Frankreich von einer Granate versch├╝ttet und zwar leider ein fr├╝hes, doch sch├Ânes Grab gefunden hat. Trotzdem soll er in die Heimat geholt werden. Jedoch werden die Angeh├Ârigen damit bis auf den Herbst vertr├Âstet. Eine erfreuliche Nachricht, die hierher gelangt, ist die, da├č Paul M. aus der franz├Âsischen Gefangenschaft in Toulouse befreit als Internierter in Kerns Schweiz, noch bei Luzern ein reizendes Heim und beste Aufnahme durch die Schweizer findet. Seine Gattin Wanda reist in der Woche vor Pfingsten mit ihrem Vater Karl H. nach dort, um den lang entbehrten zu besuchen. Sehr bewegt nahmen wir teil an den schweren K├Ąmpfen bei Verdun und auch bei Ypern, da verschiedne Wohlsborner dort stehen, bei letzterem August M., bei ersterem Erich S., Alfred und Hermann K., Willy F., Walter E. u.a. Otto M., der die schweren Angriffe im Anfang dort mitgemacht hat, kommt als Verwundeter nach Sangerhausen, wo ihn der Schreiber dieses im Lazareth besucht, und dann nach Apolda, wo auch Ernst U. sich befindet.

Gro├če Sorge hatten die Landwirte wegen der Trockenheit; fast hatte es den Anschein, als w├╝rde es wieder so werden, wie im Vorjahr. Da ├Ąnderte sich, Gott sei Dank, noch zu rechter Zeit das Wetter. Ja es ist jetzt, im Juni, geradezu kalt und tr├╝be; gar kein Sommerwetter, nur 8-10┬░R (10 ÔÇô 12,5┬░ C) W├Ąrme tags├╝ber. Aber die Feldfr├╝chte haben sich durch den Regen erholt und stehen gut, besonders das Korn. Besonders erfreut der Obstanhang; Kirschen und Zwetschen wird es, wenn nichts dazwischen kommt, recht reichlich geben. Doch macht sich die Fleischknappheit sehr l├Ąstig. Fleischkarten und Zuckerkarten sowie Seifenkarten werden auch hier eingef├╝hrt. Die Karnikelzucht wird eifrig gepflegt, zumal es nicht an Futter fehlt. Das Glas Bier kostet jetzt 17-18 Pfg., die kleinen G├Ąnse ├í St├╝ck 2 Mk. Wer was hat, der kann jetzt ganz gute Gesch├Ąfte machen. Recht sehr fehlt es an ├ľl, und K├Ârner m├╝ssen sogar pfundweise abgeliefert werden. Trotzdem werden immer noch drauf und dran an die Krieger Lebensmittel und Pakete ins Feld gesendet.

Wie ├╝berall so wird auch hier eine Sammlung des deutschen Frauennetzes veranstaltet. Dieselbe ergibt einen Ertrag von 38 M 70Pfg, das gesammelte Geld wird zur Linderung dr├╝ckender Notst├Ąnde der Kriegerwitwen, Kindern und M├╝ttern verwendet.

Der erst dies Ostern hier confirmierte Arno K., bei Herrn B├╝rgermeister T. M. bedienstet bricht, wie vermutet wird, hier in verschiedenen Hallen ein und entwischt in Milit├Ąruniform, die er dem gerade auf Urlaub befindlichen, ebenfalls bei Herrn B├╝rgermeister in Stellung gewesenen A., entwendet hatte. Da├č solche Dinge passieren und unseren Ort beunruhigen, ist bedauerlich, hoffentlich aber kein Anzeichen davon, da├č die Jugend, wie da und dort gesagt wird, nicht den gewichtigen Ernst der Zeit versteht und sich zu beherrschen wei├č. ┬á┬á┬á

├ťbrigens ist dieser A.Kr. schon mit im Felde an der Maas gewesen, von dort aber zur├╝ckgeholt bzw. zur├╝ckgeschickt worden. ├ťberhaupt mehren sich die Einbr├╝che in der Stadt und in den umliegenden Ortschaften. Aber es zeigen nicht blos tr├╝be Erscheinungen, sondern auch gute, so ein unerm├╝dlicher Flei├č der jedes St├╝ckchen in Feld und Garten gut auszunutzen, aufs Eifrigste bestrebt ist.

Besonders erfreulich ist der vorz├╝gliche Stand der Erntefr├╝chte in diesem Sommer 1916. Sehr gut macht sich besonders das Korn, auch das Futter, das dreimal geschnitten werden kann. Sichtbar und f├╝hlbar ist die Hilfe Gottes in so schwerer Zeit und darum kann unser Dank gar nicht gro├č genug sein. Das Erntewetter l├Ą├čt sich gut an. Nach l├Ąngerer K├Ąlte und N├Ąsse noch im Juli (das Thermometer zeigt oft nur 8-10┬░ Reaumur an) tritt nun eine Periode der Trockenheit ein.

Sehr gut steht auch das Gem├╝se in den G├Ąrten und der Obstbehang, besonders an den Zwetschen ist geradezu ├╝berreich. Trotzdem ist alles teuer genug die Fr├╝hkartoffeln kosten z.B. pro Zentner 8-10 Mk. An Fleisch ist Mangel und nur gegen besondere Karten erh├Ąltlich. Aber auch auf diese erh├Ąlt man in vielen F├Ąllen kein Fleisch. Schweine d├╝rfen nur mit beh├Ârdlicher Genehmigung in seltenen F├Ąllen geschlachtet werden. Die Zucht von Sauen bl├╝ht, ebenso die Karnikelzucht. Das Pfd. Karnikelfleisch wird sogar mit 28 Groschen (2Mk80) bezahlt, ein Ei kostet 20-22 Pfg., eine Gans 25 ÔÇô 30Mk. An ├ľl und Zucker sowie Seife ist gro├čer Mangel, und man wei├č oft nicht, was man den Soldaten schicken soll. Dennoch gehen immer Pakete an die Front von Einzelnen und von der Gemeinde.

Am 23. Juli fand zum Besten der Liebesgabenkasse eine ernste Feier im StrobachÔÇÖschen Garten statt mit Vortrag ├╝ber Ostpreu├čen und Kurland. XXX XXX und gesangliche Auff├╝hrungen der Schulkinder. Die M├Ąnner fehlten, aber immerhin war der Besuch gut und kamen 48 Mk ein, alle waren sehr zufrieden und sichtlich erbaut. Die Gottesdienste werden in der Ernte abends entweder um 6 oder 8 Uhr gefeiert, damit der Erntebetrieb auch am Sonntag keine St├Ârung erleidet. Der Dank f├╝r dies Entgegenkommen zeigt sich nicht blos mit Worten, sondern auch damit, da├č diese Abendkirchen gut besucht wurden.

Mehrere Krieger sind 2-3 Wochen hier auf Ernteurlaub. Es werden Arbeitskr├Ąfte von der Beh├Ârde angeboten, so Unteroffizierssch├╝ler. Jedoch davon kein Gebrauch gemacht, das weniger deshalb, weil etwa an Arbeitern kein Mangel w├Ąre, aber man will durch fremde Leute nicht geniert sein. Auch hat man nicht das rechte Zutrauen dazu, ob sie etwas leisten. So hilft man sich eben durch, wie es gerade geht. Da├č die Friedenssehnsucht w├Ąchst, l├Ą├čt sich denken. Aber der 17. August, an dem das Kriegsende geweissagt ist, geht vor├╝ber und noch ist kein Ende abzusehen. In West und Ost stehen unsre Heere jetzt in der Verteidigung gegen einen Feind, der um jeden Preis durchbrechen will und dabei sich immer mehr ersch├Âpfen mu├č, trotz kleiner Erfolge. Aber auch wir werden mit unsrer Geduld auf eine harte Probe gestellt. Man h├Ârt jetzt viele Klagen und Anklagen, ob sie berechtigt sind, l├Ą├čt sich von hier aus schwer ermessen. Fehler sind ja auch unvermeidbar bei dieser hochgradigen Spannung der Nerven und nicht alles ist so schwer ernst zu nehmen, was da und dort gesagt und geklagt wird. F├╝r die Gefangenen sind

48,70 Mk gesammelt worden. Erwin H. ist zum Unteroffizier, Arno V. und Alfred H. sind zu Gefreiten bef├Ârdert, neu eingezogen wird Paul S.. Am 1. Oktober 1916 wurde auch hier eine Opfergabe f├╝r die deutsche Flotte gesammelt und sind 40 Mk an die Kasse abgeliefert worden. Leider waren die Beitr├Ąge hier sp├Ąrlich eingegangen. 23 Mk sind gesammelt zur Beseitigung von Notst├Ąnden sittlich-religi├Âser Art, die durch den Krieg entstanden waren. Eine Extragabe von 36 Mk ist uns f├╝r die Krieger von Herrn B├╝rgermeister T. M.zugeflossen.

Vermi├čt werden Karl W. und August M., die mit in den schweren K├Ąmpfen an der Somme waren. Unteroffizier Oswald L. hat das Eiserne Kreuz erhalten, ebenso Erich S., der verwundet ist.

Zwetschen sind sehr reich geerntet und pro Ztn mit 10 Mk bezahlt worden, auch sind sehr sch├Âne Runkeln gediehen (Ztn 2,50 Mk), nur steht die Kartoffelernte gegen das Vorjahr zur├╝ck und ist nur ganz mittelm├Ą├čig ausgefallen. Unter den Schweinen macht sich vereinzelte Krankheiten bemerkbar, die zum schnellen Abschlachten n├Âtigen, fehlt es doch auch an Futtermitteln, da die Kartoffeln, au├čer kleinen und schlechten, nur zur menschlichen Nahrung benutzt werden d├╝rfen.

Alles an Kartoffeln irgend Entbehrliche ist f├╝r die St├Ądte beschlagnahmt. Eine gro├če berechtigte Erbitterung herrscht dar├╝ber, da├č die gro├čen G├╝ter nicht gen├╝gende Kartoffeln gebaut hatten. M├╝ssen doch an die Hunderte von Zentnern f├╝r deren Arbeiter von den Gemeinden bezl. dem Communalverbande geliefert werden. Ende Oktober tritt f├╝r einige Tage ein kleiner Frost ein, der dazu mahnt, rasch alles auf dem Felde noch befindliche einzuheimsen.

Indes nennenswerter Schaden ist durch ihn nicht geschehen. In jeder Weise kommt die Schulbeh├Ârde jetzt dem Bed├╝rfnis nach Arbeitskr├Ąften mit Freigaben der Schule entgegen, Fortbildungsschule xxx erst vom 1. Dezember an. Die einzelnen Wirtschaften bekommen aus den Weimarschen Lazarethen in ausgiebiger Weise Reconvaleszenten zur Aushilfe und bei dem im allg. g├╝nstigen Herbstwetter r├╝ckt die Arbeit vorw├Ąrts. Aber wochentags wie sonntags ist keine Pause und Ruhe, ein fortw├Ąhrendes Hetzen und Jagen!

Indem wir nun in das Jahr 1917 eintreten, so empf├Ąngt uns der Januar mit einer K├Ąlte, die seit langem unbekannt war, m├╝ssen wir doch am Thermometer bis 12┬░ (-15┬░C) Reaumur K├Ąlte feststellen und zwar dauert diese K├Ąlte wochenlang, bis mit Anfang des Februar w├Ąrmere Witterung eintritt. Gott sei Dank, da├č viel Schnee drau├čen liegt! Immerhin die K├Ąlte dringt in die Gruben und auch in die Keller ein und verursacht Schaden, Kaninchen gehen kaputt usw. Die Z├╝ge der Rastenberger versp├Ąten sich um ein Bedeutendes und man r├╝ckt um den warmen Ofen zusammen. In der Stadt fehlt es an Kohlen und m├╝ssen darum sogar die Schulen geschlossen werden. Unsre Kinder haben Frieseln und gehen ganz unregelm├Ą├čig zur Schule. Die Kirche ist so gut wie nicht besucht. Wie m├Âgen erst unsre Soldaten da drau├čen frieren!

Vor dem Weihnachtsfeste hatte zum Besten derselben ein kleines Kirchenkonzert stattgefunden, ausgef├╝hrt von Herrn Lehrer L. in Sachsenhausen, Albert R. und Paul Kunze hier, sowie von Frl. Johanna W. in Leutenthal , auch die Kinder der vereinigten Schule Sachsenhausen-Wohlsborn sangen und der Ertrag war 32 Mk und sind wieder gro├če Weihnachtspakete mit Obst, Kuchen, Zigarren und Zigaretten an unsre Treuen im Felde abgegangen.

Leider war weder das Konzert noch ein sp├Ąter stattfindender Familienabend mit Vortrag ├╝ber die Deutschen in ├ľsterreich-Ungarn entsprechend besucht. Man bleibt mit seinen Sorgen am liebsten daheim und gew├Âhnt sich das Ausgehen ganz ab; die Zivildienstpflicht wird eingef├╝hrt und ist z.B. der Gastwirt S. die ganze Woche auf Arbeit fort nach S├Âmmerda.

Im Dorfe werden 15 Schweine f├╝r den Communalverband verlangt und mit M├╝he und Not zusammengebracht. Der Butterverbrauch f├╝r die einzelnen Wirtschaften des Dorfes wird durch die Molkerei in Liebstedt weiter beschr├Ąnkt. Bezugsscheine auf Schuhsohlen f├╝r Minderbemittelte verteilt. Die St├Ądter ├╝berlaufen uns, um alles was an Quark usw. noch da ist, mit Geld und guten Worten aus dem Dorfe herauszuholen. Die Sammlungen h├Âren nicht auf, f├╝r die Hindenburgfestspende kommen ┬Ż Ztn. an Fett, Speck und Wurst im Dorfe ein, auch an unsre Krieger werden fortlaufend von der Gemeinde gute aus der Fabrik bestellte Zigarren ins Feld geschickt.

Verschiedne Dankesbriefe der Krieger kommen in der Gemeinde zur Verlesung. Die neue Phase des versch├Ąrften U-Bootkrieges wird lebhaft besprochen, man hofft, da├č dadurch der Krieg eher zu Ende kommt. Denn die Preise steigen noch ├╝ber die des Vorjahres hinaus, nicht blo├č f├╝r die Waren, f├╝r die H├Âchstpreise bestimmt sind. Sondern die ganze Lebenshaltung verteuert sich und man ist nur froh, wenn man ├╝berhaupt Bezugsscheine erh├Ąlt, auf Grund deren man z.B. Kleidungsst├╝cke oder W├Ąsche, xxx Handschuhe sich kaufen darf, und dabei ist noch nicht ausgemacht, da├č man in den Gesch├Ąften noch etwas erh├Ąlt.

Man fa├čt sich an die Stirn und fragt sich, ob das noch Menschen und vollends Christen sich, die sich so das Leben in jeder Weise verbittern und erschweren. Man fragt sich: Was nutzt alle au├čer Cultur und Bildung, wenn das Herz nicht mehr auf dem rechten Flecke und in der alte Verfassung ist, jedenfalls weil die Menschen im Glauben so schwach geworden sind, da├č viele ihn selbst in den Pr├╝fungen der Not nicht wiederfinden, sondern das bischen Glauben noch verlieren, das sie noch ├╝brig hatten. Aber ein wenig ├ľl kann das Licht nicht gen├╝gend erleuchten, zumal wenn ein starker Luftzug hineinbl├Ąst.

Am 19. Febr. war wieder ein Opfertag f├╝r das Rote Kreuz und wurden 60 M.40 Pf. dazu gesammelt, wobei wir manche freudige ├ťberraschung und noble Gesinnung, aber auch bittre und betr├╝bende Erfahrungen machen. Denn von Leuten, die in Mitteln sind und keine Sorgen weiter haben, sollte man erwarten, da├č sie nicht mit geradezu winzigen Betr├Ągen und mit ├╝beln Worten sich an unsern Liebeswerken beteiligen.

Ende Februar betr├╝bt uns aufs Tiefste, die Nachricht, da├č wieder ein Wohlsborner, unser lieber Hermann H., auf dem Felde der Ehre verwundet ist und einen fr├╝hen Tod im Lazareth gefunden hat. Wie so viele andre, wird auch diesem K├Ąmpfer f├╝r die Heimat, bei uns ein dauerndes Ged├Ąchtnis der Liebe und Treue unter uns bewahrt bleiben! Ferner h├Âren wir, da├č Erwin H. zum Sergeanten bef├Ârdert und Max H. das Eiserne Kreuzerhalten hat. Leider haben wir an Letzteren wegen Unkenntnis der Adresse, da wir sie nicht einmal von seiner Gattin erfahren, von der Gemeinde aus nichts mehr schicken k├Ânnen, ebenso wenig an Richard N., da seine Frau und er selber sich diese Zusendungen verbeten hat und es uns fern liegt, aufdringlich zu werden.

Mit Ende Februar sinkt der Schnee zusammen, aber es bleibt noch k├╝hl, obwohl die gro├če K├Ąlte v├Âllig nachgelassen hat. Wie tief die Not des Kriegs in die Wirtschaftsverh├Ąltnisse eingreift, mag man daraus ersehen, da├č das Brot bis 94 % ausgemahlen werden mu├č und ┬ż Pfd. Kartoffeln ├í Person berechnet werden. Ja wenn doch noch Kartoffeln zu haben w├Ąren! Aber aus den Gro├čst├Ądten z.B. Berlin haben wir sichere Nachrichten, da├č man Tage lang, ja Wochen lang ganz ohne solche leben mu├č. Die Kohlr├╝be ist jetzt das M├Ądchen f├╝r alles und mu├č die Kartoffel ersetzen helfen. Was Wunders, wenn da die St├Ądter aus Weimar fast Tag f├╝r Tag mit ihren Rucks├Ącken und Kartons kommen, um dies und jenes zu kaufen, ja sogar Leute aus Leipzig.

Aber schon ist auch die Polizei auf dem Wege, um die Waren zu confumiren (konfiszieren?) und die Schuldigen zu bestrafen. Selbst die Sp├╝ligf├Ąsser werden daraufhin untersucht, da├č man das Vieh mit der so wertvollen Kartoffel f├╝ttere.

Das Fr├╝hjahr mit seiner Aussaat weckt neue Hoffnung in den Herzen. Aber schon ist wieder ein neuer Plagegeist da. Nach dem kalten und nassen Winter stellt sich ein hei├čer und trockner Sommer ein. Die Aussaat geht stellenweise schlecht auf oder verkommt wieder, ganze Felder leiden oder sterben nach und nach ab. Es ist eine M├╝he mit dem Pflanzen, Harken, Gie├čen. Doch unerm├╝dlich wird die Arbeit getan, und das ÔÇ×ArbeiteÔÇť verbunden mit dem ÔÇ×BeteÔÇť hat Erfolg. Nachdem der Mai und Juni so ziemlich ohne Feuchtigkeit geblieben waren, ja der Juni nun Hitze von 30-40 ┬░R (37,5-50 ┬░C) tageweise bei st├Ąndiger Ostluft gezeigt hatte, trat Ende letzteren Monats endlich mal ein Regenwetter ein, das sehr wesentlich half, wenn es auch noch viel mehr und l├Ąnger h├Ątte regnen k├Ânnen. Aber man lernt es jetzt, dem Herrn f├╝r alles dankbar sein, auch die kleinste Gabe + Seiner G├╝te und Langmut. Es wird ja dies Jahr recht an Stroh fehlen. Aber der erste Futterschnitt war sehr ergiebig und auch der zweite verspricht etwas zu werden. Auch scheint es einigerma├čen K├Ârner zu geben, Obst weniger. Kirschen sind reichlicher vorhanden und werden nun an die Ortsbewohner verkauft. Der H├Âchstpreis ist auf 35 Pf. bzw. 45 Pf. f├╝rs Pfund festgesetzt. Das Liter Heidelbeeren kostet auf dem Markt 1M.20Pf., das H├Ąubchen Salat 30Pf, die Gurke 50Pf. noch im Juni zl. Anfangs Juli, teure Zeit im Lande! In Sachsenhausen werden die Kirschen der Gemeinde bis auf die von der Stra├če nach Leutenthal an die Stadt Weimar verkauft, f├╝r den fast unglaubhaften Preis von 11000 Mk (Elftausend Mk).

Ende Juni werden die gro├če und mittlere Glocke zwecks Kriegsbedarfs beschlagnahmt und zerschlagen. Zum Glockenabschied wird am 1. Juli abends ein sehr zahlreich besuchter Gottesdienst gefeiert. Da sieht man, wie sehr die Gemeinde an ihren Glocken h├Ąngt und wie sehr dieser Verlust in die Herzen schneidet. Doch man mu├č der Not gehorchen!

Die Kinder vers├Ąumen wieder recht die Schule, weil sie beim Hacken helfen m├╝ssen, erst danach wird es mit dem Schulbesuch wieder besser. Der Pfarrer erbietet sich zur├╝ck bleibenden Kindern nachzuhelfen, indes f├╝hlt kein Haus, das Bed├╝rfnis, von dieser Hilfe Gebrauch zu machen. Sonst kann man den Kindern nur das gute Zeugnis ausstellen, da├č sie den Ernst der Zeit wohl verstehen, gehorsam sind und den M├╝ttern flei├čig helfen, Rohheiten kommen Gott sei Dank nicht vor.

Vom Kriegsamt aus ist eine organisierte Jugendpflege in die Wege geleitet, auch eine Seelsorgestelle (Frau Pfarrerin Kunze) eingerichtet. Zu Pfingsten war der Pfarrer einige Tage in Jena zwecks eine Kurses wegen Kriegsern├Ąhrung, den die Professoren Immenhoff, Noll und Matthes bei zahlreichem Besuch abhielten. Sie erkl├Ąrten die jetzige mehr vegetarische Lebensweise f├╝r ausreichend, jedenfalls sei sie ges├╝nder als die fr├╝hre ├ťberladung des Magens mit Fett und Fleisch.

Herr B├╝rgermeister T. M. reiste zu Pfingsten mit Enkel und Schwiegertochter in die Schweiz zum Besuch seines dort internierten Sohnes Paul. Willy F. erh├Ąlt das Eiserne Kreuz, Erwin H. und Wilhelm M. sind zu Sergeanten bef├Ârdert.

Sehr besucht war auch die Kirche, als Albert R., der lange im Krieg gewesen war und nun als nicht mehr kriegsverwendungsf├Ąhig entlassen ist, mit Lydia B. am 3.Juni getraut wurde.

In diesem selben Monat wurde der Wirtschaftsplan der Gemeinde aufgenommen rs. s├Ąmtliche Bewohner mu├čten angeben, was sie dies Jahr bes├Ąt und bepflanzt haben. Die Gerste wird bis ausschl. der Saatgerste, von vornherein beschlagnahmt. Sehr f├╝hlbar macht sich der Kohlenmangel und die Teuerung des Holzes, die Preise steigen auf das Doppelte ja das Dreifache, der Zucker zum Einmachen wird nur die H├Ąlfte des angegebenen Bedarfs gew├Ąhrt, wer aber je 6 Pfd. pro Person erh├Ąlt, mu├č f├╝r den Communalverband einmachen. In der Weise haben es die St├Ądter uns gegen├╝ber, die wir f├╝r sie arbeiten m├╝ssen, doch gut, zumal letztere sich allerlei Vorteilchen.

St├Ądter, die vordem sich fast nie auf dem Dorfe haben sehen lassen, erinnern sich dessen, da├č es noch D├Ârfer gibt und es sich hier eben auch noch leben l├Ą├čt, jetzt sehr viel besser als in der Stadt, wo eine Portion Quark mit Kartoffeln in der Restauration 1M50Pf kostet und was soll man sonst noch ├╝ber die ungeheuren Preise sagen und klagen ├╝ber alles, sogar das Papier, Bindfaden Zigarren u.s.w. Letztre z.B. kosten mindestens 35 Pf. f├╝rs St├╝ck. Aber man kann ja nur froh dar├╝ber sein, wenn man was im Kaufladen kriegt, und sei es nur eine Rolle Zwirn f├╝r 7 Mark.

Hier auf dem Lande fehlt es auch an manchem z.B. an Gem├╝ses├Ąmereien, die sehr teuer werden. 10 gr Rotkraut z.B. kosten 1,50 M. Die Schweine sind ja dem H├Âchstpreis nach zu Gunsten der Stadt viel zu billig. Denn wenn der Zentner Lebendgewicht auf 60 ÔÇô 80 Mk bestimmt ist, was kann man da viel verdienen, wo doch die Kartoffeln pro Zentner 6 Mk Kosten. Aber Gott sei Dank das Jahr 1917 ist ein vorz├╝gliches Kartoffeljahr, da der Acker im Durchschnitt 100 Ztr. und mehr ergibt. Aber die anf├Ąngliche sehr b├Ąngliche Trockenheit des Jahres hatte doch die K├Ârnerernte zu sehr gesch├Ądigt, Hafer gab es wenig, und er war ganz klein und kurz im Wachstum geblieben. Gott sei Dank, da├č wenn auch ziemlich sp├Ąt, doch noch Regen kam! In diesem Sommer 1917 gerieten die Bohnen sehr gut, auch gab es viel Birnen aber wenig anderes Obst, ├äpfel wurden zu sehr hohen Preisen verhandelt. ├ťbrigens das Geld ÔÇô und man sieht fast nur oft halbzerlumptes Papiergeld ÔÇô spielt bei vielen Leuten keine Rolle mehr, da so viel in den Fabriken u.s.w. verdient wird. Oder man mu├č vielmehr sagen, das Geld verliert an Wert, so da├č man jetzt oft das Dreifache an Geld braucht, da, wo man fr├╝her mit einer Mark auskam. Der Winter 1917/18 lie├č sich erst als ein harter Mann sehen, der viel K├Ąlte und Schnee brachte. Es mu├čte sehr mit Kohlen und sonstigen Brennmaterialien gespart werden, und da mag mancher eine Erk├Ąltung davon getragen haben. Es zeigen sich viele Krankheiten besonders bei Kindern z.B. Masern, sie werden meist rechtzeitig gleich ins Krankenhaus gebracht und dort aufgenommen.

Im Beginn des Winters wurde eine kleine Hindenburgfeier gehalten und die Jugendpflege eingerichtet, die sich sichtlicher Beliebtheit und Teilnahme bei den jungen Leuten erfreut. Die regelm├Ą├čig an Sonnabenden und Sonntagen stattfindenden Gemeindeversammlungen, wo immer neue Bestimmungen vorgelesen und die Lebensmittelmarken bezl. Mehlkarten verteilt werden, sind gut besucht, so geht eben die Zeit hin in langsamen Harren darauf, da├č wenigstens das Jahr 1918 ein gutes Ende und den ersehnten Frieden bringen m├Âchte.

Vermi├čt werden Otto R. und Willy F. in den b├Âsen K├Ąmpfen bei Ypern. Letztrer wird als in englischer Kriegsgefangenschaft befindlich gemeldet, jedoch hat er bis jetzt noch nichts von sich h├Âren lassen. Noch zweimal wurden, da die Gemeinde reichliche Beitr├Ąge ÔÇô fast 300 Mk dazu gesammelt bezl. zur Verf├╝gung gestellt hatten, reichliche Gaben besonders an Zigaretten und Zigarren ins Feld gesendet, dann aber die Restkasse mit 40 Mk dem Kriegerverein zu weiterer Verwendung ├╝bergeben, da das Comit├ę, das viel Arbeit und manchen ├ärger gehabt hatte, sich aufl├Âste. Auch gibt es ja so gut wie nichts mehr hier im Innern des Landes zu kaufen. Gro├če Massen von Stroh u.s.w. m├╝ssen ans Heer geliefert werden, da hilft kein Murren und Knurren. Zur Not hilft man sich mit Laub, das aus dem Ettersberg f├╝r billigen Preis zur Verf├╝gung gestellt wird, aber meist liegt das k├Ąrglich gef├╝tterte Vieh auf sehr sp├Ąrlicher Streu. Die Bahn ist ganz ├╝berf├╝llt, und f├Ąhrt nur noch mit je 3 Z├╝gen, fr├╝h 6 Uhr, nachm. 1 Uhr, abends

7 Uhr, oft versp├Ątet, ja die Z├╝ge kommen nicht, weil sie unterwegs Defekte erlitten hatten oder im Schnee stecken geblieben sind. Jedoch man mu├č unserem B├Ąhnchen seine Ehre lassen, sie plagt sich t├╝chtig und tut, was sie kann.

Mit Pferden ist es knapp bestellt, da neue ausgehoben werden, die Schweine m├╝ssen abgeschlachtet werden, damit an Kartoffeln gespart werde, besonders ├╝ber die Ferkel geht es her. Die fr├╝her gering geachtete Ziege kommt zu hohen Ehren. Es werden pro St├╝ck 100-200 Mk und noch mehr bezahlt.

Da das Gel├Ąute mit der einen noch nicht beschlagnahmten kleinen Glocke zu mangelhaft ist und im Orte so wenig h├Ârbar ist, so steht man dem Angebot der Firma Schilling und Lattermann zu Apolda nicht ablehnend gegen├╝ber, gut klingbare Gu├čstahlglocken zu besorgen. Sollten die f├╝r Sachsenhausen schon bestellten sich dort bew├Ąhren, so soll ein solches neues Gel├Ąut mit neuem L├Ąutewerk auch hier baldm├Âglichst angebracht werden.

Der Winter l├Ą├čt sich im Allgemeinen ziemlich mild an, viel milder als im Vorjahr und fast ohne Schnee, nur einige Tage lang waren solche gro├če Schneemassen da, wie seit l├Ąngerer Zeit nicht. Hilfsdienstkr├Ąfte mu├čten im Dorf, auf der Chaussee und Bahnstrecke antreten, um Raum zu schaffen, was auch verh├Ąltnism├Ą├čig schnell gelang. Feuchtigkeit gibt es genug im Boden, da der Winter im Allgemeinen feucht und tr├╝be. ├ťber den an der Ostfront geschaffenen Frieden herrscht auch hier Befriedigung, aber leider hatte der zur Feier derselben angesagte vaterl├Ąndische Abend einer zugleich stattfindenden notwendigen Gemeindesitzung wegen nicht stattfinden k├Ânnen. F├╝r die Orte Wohlsborn, Leutenthal und Sachsenhausen wird ein gemeinsamer Darlehnsverein durch die Raiffeisen-Centrale in Erfurt gegr├╝ndet, mit dem Sitz in Erfurt. Von hier aus treten 13 ein. Vorstand ist B├╝rgermeister S. in Sachsenhausen, Vorsitzender des Aufsichtsrat der hiesige Pfarrer, Rechnungsf├╝hrer Landwirt Osw. H. in Sachsenhausen. M├Âge es der Gemeinde zum Segen gereichen und den kleinen Landwirt st├Ąrken. N├Âtig wird es ja sein, da mit Eintritt des erhofften Friedens die wirtschaftlichen Notst├Ąnde noch lange nicht gehoben sein werden. F├╝r die Hinterbliebenen der im Krieg Gefallenen werden nebst einer Extragabe von

20 Mk zus 34,35 Mk gesammelt. Fortw├Ąhrend m├╝ssen beh├Ârdliche Verordnungen verlesen werden, die sich geradezu ├╝berst├╝rzen, oft wird, zumal sie nicht immer ganz klar sind und verstanden werden, heftiger Unwille dar├╝ber ge├Ąu├čert. Die Ungeduld w├Ąchst und empfindet man den langen Krieg als eine harte Probe. Wer h├Ątte das gedacht, da├č er so lange dauern k├Ânnte. Und doch ist man sehr froh dar├╝ber, da├č Dank der Tapferkeit unsrer Heere und der umsichtigen Kriegsleitung Hindenburg die Zerst├Ârung weit von unseren Fluren und Gauen fern bleibt. In den Abenden der Jugendpflege geht es gem├╝tlich zu. Da wird gelesen, gesungen, gespielt und dabei flei├čig gestrickt. Auch junge Frauen der Gemeinde nehmen gern teil. Man empfindet es, das oft eine gute Einrichtung ein Sorgenbrecher in dieser ernsten, schweren Zeit. Auch ein Krieger, der f├╝r das Maschinenfach ausgebildete Matrose Hugo K. nahm auf Urlaub befindlich an einem dieser Abende teil.

Ged├Ąchtnisgottesdienste f├╝r Gefallene oder andauernd Vermi├čte werden nicht mehr gehalten, da sie von den Beteiligten nicht mehr erw├╝nscht erscheinen, ihrer wird z.B. zum Totenfeste gedacht.

So r├╝ckt denn die vierte Confirmationsfeier heran, die wir im Kriege feiern, ernste Tage, da die V├Ąter verschiedener Kinder fern im Felde weilen. Das letzte Jahr des Kriegs geht in weiterer Sorge dahin wegen der im M├Ąrz 1918 beginnenden siegreichen Offensive, auf die dann leider das langsame Zur├╝ckweichen folgt. Es macht sich hier unter uns ein Zusammensinken der Widerstandskraft bemerkbar. Dies daher, da├č die auszusendenden milit├Ąrischen Hilfskr├Ąfte immer mangelhafter werden, warum die der Feinde infolge der amerikanischen Unterst├╝tzung w├Ąchst. Auch machen sich in den Gro├čst├Ądten die Zeichen von Unterern├Ąhrung und daraus entstehende Krankheiten sichtlich die Grippe h├Ąlt auch unter uns ihren Umzug und hat man wenig Widerstand gegen sie aufzubieten. Auch hier wirft sie viele Ortsbewohner auf das Krankenlager, ohne indes gro├če Opfer zu fordern. Nur ein Kind ist daran verstorben.

Die Ernte des Jahres ist g├╝nstig, obwohl wir anfangs des Sommers unter einer be├Ąngstigenden Trockenheit zu leiden hatten. Auch erfroren stellenweise die Bohnen und die Fr├╝hkartoffeln. Letztere mi├črieten teilweise, wie ├╝berhaupt die diesj├Ąhrige Kartoffelernte gegen das Vorjahr abfiel. Die Preise besonders f├╝r die st├Ądtischen Waren erreichen gegen fr├╝her eine fast unglaubliche H├Âhe, aber Geld gibt es genug, da immer mehr Papiergeld auf den Geldmarkt geworfen wird. Da erreicht uns im Anfang des November die Nachricht vom Waffenstillstand und gleich darauf die, da├č die Revolution in Deutschland nach dem Zusammenbruch von Bulgarien und der T├╝rkei und nach dem Zerfall des Kaiserreichs ├ľsterreich-Ungarn ausgebrochen ist. Einesteils wird sie freudig begr├╝├čt, da der Druck der B├╝rokratismus und Militarismus eine bedenkliche H├Âhe erreicht hat und auf vielen Herzen wie ein Zentnergewicht lastet. Aber andererseits ist man doch zu sehr durch das Neue und Ungewisse erschreckt, vor das man auf einmal nach Versagung des Gro├čherzogs und der anderen Reichsf├╝rsten gestellt ist. Immerhin geht die v├Âllige Umstellung aller politischen Verh├Ąltnisse viel ruhiger vor sich, als man bef├╝rchtete, bes. auch bei uns in Weimar. Dies einmal wegen der ma├čvollen Haltung der Mehrheitssozialisten, das Regiment im Lande ├╝bernimmt der Volksbeauftragte, Reichstags- und Landtagsabgeordneter August Baudert mit dem Arbeiter- und Soldatenrat. Die Beamten leisten, ebenso wie die B├╝rger keinen Widerstand, um Blutvergie├čen zu vermeiden, und f├╝gen sich der Neuordnung der Dinge. Immerhin schweben diese in der Luft, solange sie nicht durch neue einzuberufende Nationalversammlung fest begr├╝ndet ist. Die Wahl hierzu wird auf den 19.Januar 1919 festgesetzt und da vorgenommen. Es w├Ąhlen jetzt zum ersten Male alle Personen ├╝ber 20 Jahre, darunter auch den weiblichen Geschlechtes.

Das Resultat hier ist dies, da├č von 120 Wahlberechtigten 102 w├Ąhlen, wovon 56 Demokraten, 14 Deutschnationale, 31 Sozialdemokraten, letztre alle gem├Ą├čigter Richtung. Man will nicht ganz nach links, aber auch nicht wieder unter die Herrschaft der Gro├čagrarier, sondern am liebsten h├Ątte man eine starke Bauernvertretung auf mittlerer Linie. Schritte, eine solche zu bilden, sind auch hier mit dem einstweiligen Erfolge getan, da├č sich ca. 20 dazu anmelden. Das Interesse an den gro├čen politischen Fragen der Gegenwart und Zukunft wacht auf, und diese Dinge werden ├╝berall lebhaft er├Ârtert. Vorderhand ├╝berwiegt noch die bange Sorge, ja Niedergeschlagenheit, da Aufst├Ąnde auch in unsrer Gegend bef├╝rchtet werden. Nach und nach kehren mit Ende des Jahres 1918 die Krieger heim und werden in einem besonderen, sehr feierlichen und stark besuchten Gottesdienst am 1. Weihnachtsfeiertage von der Gemeinde festlich begr├╝├čt. Die Kirche war zu diesem Zwecke festlich geschm├╝ckt, leider nicht auch die Stra├čen des Ortes. Der Winter l├Ą├čt sich mild, ja zu mild an, das wird nicht angenehm empfunden, da die recht reichlich sprie├čende Saat eine Schneedecke braucht. Doch mit Ende Januar 1919 f├Ąllt etwas Schnee. Sehr haben wir unter dem f├╝hlbaren Mangel von Brennmaterial zu leiden, auch ist die Rastenberger Bahn ├╝berf├╝llt. Der Herr Lehrer Fleischhack ist wieder da, und h├Ąlt hier wieder Schule. Inzwischen ist ein Raiffeisendarlehnsverein gegr├╝ndet worden, mit dem Sitz in Sachsenhausen, von hier geh├Âren ihm 13 Personen an. Der bisherige Umsatz bel├Ąuft sich in dreiviertel Jahren schon auf ca. 80000 Mk. Im Verlauf des Jahres 1919 kehren nacheinander die Kriegsgefangenen zur├╝ck, so Walter E. aus der der Engl├Ąnder, ebenso Edgar K. Karl W. gelingt es aus der Gefangenschaft der Franzosen zu entkommen. Zu Ehren der Gefallenen und Kriegsvermi├čten wird ein Ehrendenkmal beschlossen, das in die N├Ąhe der Kirche kommen soll. Leider sind die Kosten so hoch berechnet, da├č vorderhand die Ausf├╝hrung wohl noch eine Zeit wird warten lassen m├╝ssen. An der Aufbringung der Kosten will sich au├čer den Hinterbliebenen auch die Gemeinde und die Kirche beteiligen. Die Gr├╝ndung einer hiesigen Ortswehr wird beschlossen, gelangt aber wegen Mangels an Schie├čwaffen nicht zur Ausf├╝hrung. Die Zeiten sind unruhig, so kommt es bei Anla├č des KappÔÇÖschen Putsches zum Beginn des Jahres 1920 im benachbarten Weimar zu gro├čen Unruhen. Aber wir auf dem Lande werden in Ruhe gelassen, nur sind die Stra├čen t├Ąglich voll sogen. Hamsterer. Die Preise f├╝r Lebensmittel steigen und erschweren das Leben sehr f├╝r die, die solche kaufen m├╝ssen. So haben die Arbeiter, von ihrem reichlichen Verdienst (ca. 3-5 Mk pro Stunde in der Stadt, 1-2 Mk auf dem Lande) nicht viel ├╝brig. Umso schlimmer geht es den Beamten, die nur ganz geringe Notzulagen erhalten. Da mit der Landwirtschaft etwas zu verdienen ist, steigen die Acker- und Pachtpreise. F├╝r 1 Acker(1 Acker entspricht in Sachsen- Weimar- Eisenach 28,4971 a) werden hier 80-100 Mk geboten, Pfarracker aber an die kleinen Leute f├╝r nur 60 Mk gegeben. Ob wir Dank f├╝r dieses soziale Entgegenkommen haben werden, das bleibe dahin gestellt. Herr B├╝rgermeister M., der so lange die Sorgen der Gemeinde getragen, zuletzt die vielen und schweren Kriegssorgen, legt nun wegen hohen Alters sein Amt nieder und ├╝bergibt es dem neu gew├Ąhlten B├╝rgermeister Hugo F. An Stelle von Robert F. wird Max H. Gemeindevorsitzender. Es kommt in der Gemeinde nach und nach alles wieder in Ordnung auch die Finanzen derselben. Zur St├Ąrkung dieser wird zum Beginn des Jahres 1920 das H├Âlzchen an der Stra├če nach Weimar entholzt und werden daf├╝r ca. 6000 Mk gel├Âst, auch ein Wahrzeichen dieser teuren Zeit. Auch die Schule kommt wieder in Ordnung, damit da├č an Stelle des nach Weimar versetzten Lehrers A. Fleischhack nunmehr Herr Paul Fischer aus Kaltennordheim, Kriegsbesch├Ądigter und verheiratet, eintritt. Leider l├Ą├čt das kirchliche Leben sehr zu w├╝nschen ├╝brig. Leute, die fr├╝her noch zur Kirche kamen, lassen sich nicht mehr sehen; ein allgemein beobachtetes betr├╝bliches Zeichen der Zeit. Zum Teil mag das ja an der ungeheuren Arbeit liegen, die die Not der Zeit mit sich bringt. Trotz der hier sich besonders geltend machenden Trockenzeit des Sommers 1919 ist die Ernte gen├╝gend, und setzt die neue Ernte mit dem milden und fr├╝hen Winter 1919/20 und dem fr├╝hen Fr├╝hjahr 1920 hoffnungsvoll um. Wir schlie├čen diesen bis in die ersten Zeiten des Friedens hinein reichenden Kriegsbericht mit den besten W├╝nschen f├╝r die Zukunft Deutschlands und unsrer Gemeinde. Viele malen schwarz in schwarz und lassen die K├Âpfe h├Ąngen, aber wir lassen uns nicht davon umwerfen. Wir tun ruhig unsre Pflicht im Aufsehen zu Gott, die Not der Zeit m├Âge nur dazu mithelfen, das Vaterlandsgef├╝hl in uns wieder lebendig zu machen und wach zu erhalten.

Das walte Gott!

Einweihung des Kriegerged├Ąchtnismales

Schon lange war bei den Angeh├Ârigen unsrer im Kriege Gefallenen und Vermi├čten der Wunsch rege, es m├Âchte zum Ged├Ąchtnis derselben ein Erinnnerungszeichen vorhanden sein, sp├Ąteren Geschlechtern eine ernste Mahnung und den nicht Heimgekehrten zur besonderen Ehre.

Innerhalb der Gemeinde f├╝hlte man das Bed├╝rfnis, da├č diese Sache eigentlich von ihr in die Hand genommen und durchgesetzt werden m├╝├čte. Waren doch die Krieger nicht blos f├╝r den Einzelherd ihrer Familie, sondern zum Schutze der Heimat und des Ortes im Felde geblieben.

Leider wurden in der Gemeinde einzelne Stimmen laut, die die Hinterbliebenen verletzen mu├čten, daher sie auf die Beihilfe der Gemeinde verzichteten. Von einzelnen angebotene Gaben wurden daher auch abgewiesen.
So kam es, da├č die Hinterbliebenen allein auf ihre Kosten einen von einer Firma in L├╝tzen hergestellten Ged├Ąchtnisstein besorgten, der seinen Platz in der Stelle des alten Friedhofs vor dem Gotteshause finden sollte. Dieser Platz wurde vom Kirchenvorstand gern einger├Ąumt.

Am Sonntag 12. Sept. 1920 nachm. 2 Uhr fand unter Beteiligung der Kriegshinterbliebenen, der Gemeinde und der Vereine vieler von ausw├Ąrts die Feier der Weihe statt. Unter feierlichem Gel├Ąute der Glocken sammelte man sich auf dem Friedhof, um den stattlichen noch verh├╝llten Stein und h├Ârte man in tiefer Andacht die Ansprache des Ortspfarrers an, die in ein weihevolles Gedicht ausm├╝ndete das als Anfang herbeigegeben werden soll.

Beim Senken der Fahnen & dem Klang der Glocken fielen die H├╝llen und zeigten und zeigten sich die unverge├člichen Namen, die tief in unsre Herzen eingegraben sein sollen. Darauf wurden nach einander unter Weiheworten Kr├Ąnze niedergelegt von den Hinterbliebenen, und den Kindern der Gefallenen, von den Kriegsteilnehmern, die gl├╝cklich heimgekehrt waren, von dem Kriegerverein, von der Gemeinde, vom Burschenverein einschl. der M├Ądchen, vom Gesangverein. Nun sang der Gesangverein das tiefernste Lied ÔÇ×Ach wie istÔÇśs Sterben doch so schwerÔÇť worauf namens der Kriegsteilnehmer Herr Lehrer Fischer eine kr├Ąftige Ansprache hielt. Mit dem Lied ÔÇ×Ich hatte einen KameradenÔÇť schlo├č die Feier, die mit dem gemeinsamen Gesang ÔÇ×Eine feste BurgÔÇť eingeleitet worden war. Sie dauerte etwa 1 ┬Ż Stunde und wird allen wegen ihrer w├╝rdigen Feierlichkeit in bleibender Erinnerung sein. So unharmonisch die Vorbereitungen verlaufen waren, so harmonisch war dieser Abschlu├č. Die sch├Ânen wertvollen Kr├Ąnze sollen wieder im Gotteshause Aufbewahrung feiern. Am Denkmal selber sollte Jahr f├╝r Jahr eine kleine Ged├Ąchtnisfeier zu ehren der Gefallenen stattfinden.

Gedicht zur Weihe:

Was wir jetzt weihn beim Senken unsrer Fahnen
Mags immerfort uns an die Treue mahnen,
da Ihr im Kampf f├╝r Haus und Heim gefallen.
Drum hei├čen Dank euch allen von uns allen!
Was Ihr gelebt, bis Ihr im Feld geschieden,
das wolln beweisen wir nun auch im Frieden!
So kann aus all dem Jammer, all dem Wehn,
ein neues, frohes Deutschland froh erstehn.

Am stillen Ort ein ernstes Stillgedenken
Wie werdens oft noch den Kamraden schenken
Wenn an dem Stein wir vor├╝bergehn.
Nicht ohne einen Augenblick erst still zu stehn
Dann, wenn wir Eure lieben Namen lesen
Ersteht Ihr selbst vor uns, wie ihr gewesen.
Wie Ihr vor kurzen Jahren noch geschafft
Mit uns in stolzer, jugendlicher Kraft.

Wie Ihr mit uns Euch oft auch habt gefreut
Nach aller Arbeit froh in Heiterkeit.
Nun habt Ihr jetzt ein ander Los erkoren.
Jedoch getrost, Ihr seid uns unverloren ÔÇô
Nicht blos auf Stein hier steht Ihr, treuen Lieben,
Ins Buch des Lebens seid Ihr eingeschrieben.
Wir alle hier, wir werden auch indessen
Was wir auch danken, nimmermehr vergessen

Und t├Ąten je wirs, dies leichtfertig Wesen
Es wird besch├Ąmt durch das, was hier zu lesen ÔÇô
Dies wird erinnern stets uns an die Pflicht:
Verge├čt Lebende uns Tote nicht.
Wir haben uns in Not und Tod bezwungen
Und friedensxxx Euch durchs Schwert errungen
Von Eichenlaub und Lorber reich umkr├Ąnzt.
Das Kreuz ists, das ob den Namen gl├Ąnzt,

durch Kreuz zur Krone mags doch allen k├╝nden
Und Glaubensmut und Hoffnung in Euch gr├╝nden!
Und nun noch stiller jetzt, seid v├Âllig stille,
damit der Ehrenstein sich nun enth├╝lle,
da├č alle diese H├╝llen von ihm weichen
Und wir sie sehn die Namen und die Zeichen.
Doch weil der Stein nur sicher aufw├Ąrts schaut
Wenn das was Menschenhand mit Flei├č erbaut,

Wir stellen fromm in Gottes treue Hut.
Wo es ganz sicher Jahr f├╝r Jahre ruht,
Erflehn wir Gottes Segen.
Und nun die H├╝llen weg, nun zeige sich der Stein!!!