Die Dorfmauer und die Straßen im Ort

Als 1815 das Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach vom Wiener Kongress zum Großherzogtum erhöht wurde, war das verbunden mit einem ganz ordentlichen Gebiets- und Bevölkerungszuwachs. Wie im vergangenen Beitrag bereits ausgeführt, gehörte auch Wohlsborn dazu. Für das Großherzogtum war es natürlich wichtig, genaue Abmessungen der neuen Besitzungen zu erhalten. So wurde 1817 u.a. auch die Gemarkung Wohlsborn vermessen und in 6 Blättern aufgezeichnet.

Dorfmauer und Straßen Wohlsborn
Dorfmauer und Straßen Wohlsborn

Blatt 1 erfasste das eigentliche Dorf und zeigt sehr deutlich den Rundlingscharakter des Ortes.  Die Karte zeigt aber auch, dass es nur einen Weg in das Dorf gab. Die alte von Weimar kommende Straße mündete in einem großen Platz, dem Anger. Von dort verzweigte sich die Straße als Hauptstraße nach Buttstädt/Oßmannstedt, als Weg in das Dorf hinein, als Weg nach Großobringen und als Weg nach Sachsenhausen.

Auch heute noch ist der alte Kern des Dorfes erhalten und lässt sich bequem umrunden. Wir beginnen am Glaserplatz und gehen Richtung Sachsenhausen. Rechts sind noch Teile einer Mauer zu sehen, die möglicherweise das ganze Dorf umfasste. Die Kreuzung Sachsenhäuser Straße/ Zum Rutschestein/ Großobringer Weg gab es nicht, es gab dort weder eine Straße in den Ort, noch Richtung Großobringen. „Die Neue Gasse“, heute Teil der Straße „Zum Rutschestein“ wurde erst später angelegt. Eine Bebauung links der Sachsenhäuser Straße gab es ebenfalls noch nicht. Weiter führt uns der Weg am Friedhof entlang, der 1900 neu angelegt wurde, weil der Gottesacker an der Kirche voll belegt war. Nach der Kurve an dem Holzbearbeitungsbetrieb ist wieder ein Stück Mauer zu sehen.

Dorfmauer Wohlsborn
Dorfmauer Wohlsborn

Bis zum Rosselraine gab es auch hier links von der Straße keine Bebauung. Eine Straße von der Sachsenhäuser Straße (die damals nicht mehr als ein Feldweg war) bis zur Straße „Am Rosselraine“, gab es damals nicht. Nicht einmal ein befestigter Weg ist in der Karte eingezeichnet. Eine Art Grünstreifen gab es dort, der für Ziegen und Schafe genutzt wurde. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Grundstücke Nr. 21 und 22 bebaut wurden, wurde ein Weg angelegt, der in Höhe des Hauses Nr.21 in das Dorf führte. Dazu wurde vom Grundstück Nr. 23 ein bogenförmiger Teil abgetrennt. Dort, wo die Straße „Am Rosselraine“ von dem „Liebstedter Weg“ abzweigt, beginnt wieder ein Stück Mauer, das bis zum Grundstück Nr. 27 dem damaligen Ortsrand entspricht. Anschließend verlief der Ortsrand von der heutigen Straße aus ca. 40m nach rechts versetzt bis die nächste Querstraße erreicht wird. Folgen wir dieser Straße, so stoßen wir ab Grundstück Nr. 37 auf den letzten Abschnitt der „Dorfmauer“. Diese Mauer dient vor allem dem Abstützen der dahinter liegenden Grundstücke, die höher als die Straße liegen und offensichtlich eine Fortsetzung des Lindenbergs sind. Da diese Straße sowohl in Richtung Oßmannstedt als auch in Richtung Buttstädt führte und damit eine wichtige Verbindung zwischen Weimar und Buttstädt war, musste dort der auslaufende Lindenberg unterbrochen und abgetragen werden. Auch hier war die linke Seite, der Lindenberg, bis zur heutigen Kreuzung unbebaut. Und damit sind wir bereits wieder am Glaserplatz angelangt. Uns rechts haltend kommen wir ins Dorf – wie bereits erwähnt, der einzige befahrbare Weg in den Ort. Damit ist der Rundgang um Wohlsborn des Jahres 1817 beendet. (Die Nummerierung der Häuser entspricht noch dem System, das zur Zeit der Veröffentlichung des Artikels 2005, gültig war.)

Wohlsborns Gemarkung und deren Straßen und Wege

Vergleicht man die Karte der Gemarkung Wohlsborn von 1817 mit einer aktuellen Karte, so erkennt man doch einige wesentliche Unterschiede. Da gehören die Straßen und Wege dazu. Es ist schon erstaunlich, dass am Ortsrand Wohlsborns eine wichtige Straße entlang führte: die Straße Weimar – Buttstädt, wie bereits im vorigen Beitrag erwähnt wurde.
Die Residenzstadt des Großherzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach hatte keine direkte Verbindung zu den großen Handelsstraßen: die West-Ost-Straße führte von Frankfurt/Main über Erfurt – Kerspleben – Berlstedt – Buttelstedt – Buttstädt nach Leipzig und die Nord-Süd-Straße, die Kupferstraße führte von Eisleben/Mansfeld über Hardisleben – Niederreißen – Oberreißen – Rohrbach – Liebstedt – Ullrichshalben bis nach Nürnberg.

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Die Leipziger Straße war damals für Weimar nur über die Straße Weimar – Wohlsborn – Rohrbach – Oberreißen – Buttstädt zu erreichen.
Die Wichtigkeit für Wohlsborn zeigt sich auch in der Bezeichnung „Straße“. Sie wurde von Schöndorf kommend bis zum Ortsanfang „Weimarische Straße“ und fortführend als „Buttstädter Straße“ benannt. Nach der Kreuzung mit dem „Mühlenweg“ wird diese Straße allerdings als „Rohrbacher Weg“ bezeichnet.
Als später die Strecke Weimar – Großobringen nach Buttelstedt favorisiert wurde, war die Route über Wohlsborn nicht mehr interessant.
Die in der Karte eingezeichnete „Weimarische Straße“ gibt es heute nicht mehr. Für die Verbindung nach Weimar wurde 1869 der „Holzweg“ bis zur Grenze zu Schöndorf ausgebaut. Das Stück „Buttstädter Straße“ und den „Weg nach Rohrbach“ gibt es ebenfalls nicht mehr. Von den in der Karte eingezeichneten Wegen wurden einige in ihrer Streckenführung unverändert gelassen. Das betrifft den „Weg nach Liebstedt“, den „Galgenweg“ (führt am Wasserbassin des Wasserwerkes Sachsenhausen vorbei), den „Denstädter Weg“, den „Oßmannstädter Weg“ und den „Weg nach Sachsenhausen“. Der „Oßmannstedter Weg“ wurde 1888 als befestigte Straße bis zum Bahnhof ausgebaut und „An der Eisenbahn“ genannt. Der „Weg nach Sachsenhausen“ wurde 1877 bis zu Flurgrenze zu Sachsenhausen als befestigte Straße ausgebaut.
Die Ortsverbindung nach Großobringen wurde wahrscheinlich 1871 in ihrer Streckenführung geändert, aber nur im Ort befestigt. Auch die Verbindung nach Liebstedt, in ihrer Streckenführung zwar unverändert, blieb außerhalb des Ortes bis in die 1970er Jahre Feldweg. Auch der Bachverlauf wurde geändert.
In der Karte habe ich die Bezeichnung „Scherkonde“ mit „a“ und „b“ versehen. „a“ ist der ursprüngliche, natürliche Verlauf des Baches, „b“ zeigt ein begradigtes Bachbett. Diese Veränderung ist allerdings bereits auf der Karte von 1817 eingezeichnet. Wenn man die Gemarkungsgrenze im Osten und Norden betrachtet, fällt auf, wie „zerklüftet“ diese war. 1869 wurde eine „Separation der Planlage“ durchgeführt und die heutige Gemarkungsgrenze festgelegt.

Pferdesport in Wohlsborn

Anfang der 1950er Jahre, wenige Jahre nach dem Ende des 2.WK hatte sich vieles in den Orten des Kreises Weimar normalisiert. Neben der täglichen harten Arbeit wurde auch wieder mehr Sport getrieben. Neben Fußball war das Reiten eine bevorzugte Sportart. Auch in Wohlsborn trafen sich junge Bauern, um gemeinsam diesen Sport auszuüben. Anfang 1952 organisierten sie sich in der SG (Sportgemeinschaft) Wohlsborn, Sektion Pferdesport. Die Idee dazu hatten Gerhard und Ewald Mund, Lothar Gernhard, Hugo und Gerhard Sädler. Gerhard Mund wurde Sektionsleiter, Lothar Gernhard Kassierer. In die SG traten neben den genannten Sportfreunden noch Werner Hasse und Bruno Menge ein.

Springreiten R. Kaufmann
Springreiten R. Kaufmann

Dazu kamen noch aus Rohrbach Rolf Kaufmann (auch Ewald Mund wohnte damals bereits in Rohrbach), aus Leutenthal Martin Löder, Armin Berbig, Martin Kaufmann, Harry Steinhäuser, aus Großobringen Lothar Querndt, Herbert Mähler, aus Kleinobringen Manfred Sundhaus und aus Schöndorf Helmut Schöps sowie Konrad Schneu. Anfangs war auch Wolfgang Gröbe aus Pfiffelbach, sowie einer der Reichmuths aus Großobringen dabei. Zeitweilig ritten Suse Machetanz aus Liebstedt und Bernd Röder aus Ballstedt mit. Später ritt auch Heinrich Nimmrich mit.

In Wohlsborn existierte 1952 nur ein Sportplatz, vorwiegend für den Fußball. Deshalb wurde anfangs in Rohrbach auf dem Reitplatz im Gutsgelände trainiert. Der erste Reitlehrer war der Betriebsleiter des Gutes, Emil Rost.

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Quadrille, kommandiert von Emil Rost

Auch Herr Kuchenbäcker aus Rohrbach trainierte die SG. Das erste Reit-, Spring- und Fahrturnier fand am 11.April 1953 in Buttstädt statt, von der Wohlsborner SG organisiert! Da sich am 11. April 1945 die Häftlinge des KZ Buchenwald selbst befreit hatten, durften am 11. April keine andersartigen Veranstaltungen durchgeführt werden.

Erst durch die Genehmigung des Bezirksekretariats der SED, die persönlich beantragt wurde, konnte das Turnier starten. Es fand auf dem Rossplatz statt, der auch heute noch zum Pferdemarkt genutzt wird. Zu dieser Zeit war ein Turnierplatz in Wohlsborn bereits geplant. Er wurde neben dem Fußballplatz angelegt. Das Paul Nimmrich gehörende Grundstück wurde gegen ein gemeindeeigenes getauscht. Damit war es allerdings noch nicht nutzbar. Das hügelige Gelände war für den Sport nicht geeignet. In vielen Stunden harter Arbeit wurde der Platz planiert. Der Bauunternehmer Haupt aus Sachsenhausen stellte Feldbahnloren und die dazu passenden Schienen kostenlos zur Verfügung. Wir Kinder sahen gebannt zu, wie die Loren gefüllt, zum Zielort geschoben und dort entleert wurden. In relativ kurzer Zeit wurde aus dem hügeligen Gelände ein flacher Platz für Parcours und Vorplatz.

Viele Wohlsborner vorwiegend Jugendliche beteiligten sich am Bau des Turnierplatzes. Arbeitlohn gab es nicht, alles wurde freiwillig und mit großer Freude gemacht. Zeit dafür war nur dann, wenn auf den Feldern keine Arbeiten zu erledigen waren. Nach der Planierung musste auch der Parcours eingezäunt und Hindernisse für das Springreiten gebaut werden. Alles das wurde selbst angefertigt, das Holz (Fichte) kam vorwiegend vom Ettersberg (sog. Bodenreformholz u.a. von L. Querndt und H. Mähler). Als all dies fertig war, konnte endlich in Wohlsborn trainiert werden. Immer noch von Reitlehrer Rost, bis Gerhard Mund das Training übernahm.

Pferdesport in Wohlsborn
Gerhard Mund im Zweispänner in Leipzig

Insbesondere bei der Dressur kam es auf genaue Ausführung der Kommandos an. Das wurde durch Pfiffe mit Trillerpfeifen vorgegeben. Natürlich wurde das Ergebnis des Trainings in einem Turnier in Wohlsborn umgesetzt. Dazu kamen Reiter aus den SG anderer Orte des Kreises. Diese Veranstaltungen wurden von sehr vielen Einwohnern und Gästen besucht. Die Organisation des Turniers erforderte einen hohen Zeitaufwand. Mit den einzelnen Reitern musste konkret abgestimmt werden, wer, wann, was zu tun hatte. Die Pferde, die am Vortag gebracht wurden, mussten in Ställen untergebracht werden. Und das Wetter musste mitspielen. Ein Turnier, so erzählte Gerhard Mund, musste wegen Gewitter und anschließendem Hochwasser ausfallen – die Reiter wurden auf dem Saal der Gaststätte „Zur Erholung“ Inh. Artur Strobach untergebracht, bis sich das Unwetter verzogen hatte. Umsonst die Vorbereitungen.

Pferdesport in Wohlsborn
Die Wohlsborner SG zur 1000 Jahresfeier in Liebstedt

Natürlich nahmen die Sportler der Wohlsborner SG auch an den Turnieren in anderen Orten teil: Berlstedt, Bad Berka, Hopfgarten, Utzberg, Niederzimmern, Buttstädt, Rudersdorf, Apolda, Großneuhausen, im Park von Weimar und auf der Landwirtschaftsausstellung in Leipzig-Markkleeberg.

Pferdesport in Wohlsborn
Festumzug in Wohlsborn

Turniere fanden vorwiegend ab April bis Mitte Juli statt, in einer Zeit, in der die Pferde nicht auf dem Feld gebraucht wurden.

Nach der Saison 1958 löste sich die SG auf. Die GST (Gesellschaft für Sport und Technik) des Kreises Weimar mit ihrer Sektion Pferdesport im Marstall in Weimar bedrängte die SG immer stärker, in die GST einzutreten. Das wollten die Sportfreunde nicht, wegen der Pferde, die ja keine reinen Warmblüter, sondern schwere Warmblüter waren und auch weil sich die GST immer mehr zu einer vormilitärischen Organisation entwickelte. Ein letztes mal fand in Wohlsborn eine Pferdesportveranstaltung anlässlich der 700 Jahrfeier im Juni 1969 statt. Lothar Gernhardt, der nach Berlstedt gezogen war, hatte organisiert, dass die SG Berlstedt ihr Können zeigte.

Pferdesport in Wohlsborn
Dressur – Bruno Menge

Im Allgemeinen ritt jeder der Sportler die eigenen Pferde. Ausnahmen waren Gerhard Sädler, der ein Pferd aus dem Stall von Paul Menge ritt, sein Bruder Hugo Sädler, der ein Pferd von Löders aus Leutenthal ritt und Konrad Schneu aus Schöndorf, der ein Pferd des Schöndorfer Gutes ritt. In Wohlsborn züchteten vor allem Walter Mund und Paul Menge, tw. Auch Werner Hasse Pferde. Walter Mund hatte große Erfolge mit Oldenburgern, die später Schweres Warmblut genannt wurden. 1954 und 1957 wurden seine Staatsprämienstuten in Leipzig-Markkleeberg vorgeführt. Diese Veranstaltungen dauerten jeweils 14 Tage und während vormittags die Pferde vorgeführt wurden, fanden nachmittags Turniere statt. Wenige Jahre nach Gründung der LPG „Am Bärenhügel“ in Wohlsborn verdrängte moderne Technik die Pferde in der Feldarbeit. Es gab immer weniger Pferde im Ort, Mitte der 60er Jahre gab es keine mehr. Die Weiterführung der Zucht lohnte nicht mehr – eine Ära ging zu Ende.

Pferdesport in Wohlsborn
Einspänner

Die Informationen habe ich nach Gesprächen mit Gerda Müller, Ewald und Gerhard Mund, Gerhard und Hugo Sädler, Rolf Kaufmann und Heinrich Nimmrich aufgeschrieben. Von ihnen habe ich auch die abgebildeten Fotos und weitere Fotos und Urkunden zum Kopieren erhalten. Dafür bedanke ich mich herzlich. Ebenso bedanke ich mich bei meiner Tochter, die während der Gespräche die Fotos und Urkunden kopiert hat.

40 Jahre Beat in Wohlsborn

In diesem Artikel möchte ich an ein kleines Jubiläum erinnern: vor 40 Jahren, am 21. August 1965 wurde erstmals in Wohlsborn ein „Beat-Tanz“ veranstaltet. Es spielten die „Five Ducks“ aus Weimar mit Jochen Steinmetz als Leiter der Band.

Wie kam es dazu? Anfang der 60er Jahre war der Rock`n Roll kaum noch gefragt. Einer neuen Generation Jugendlicher war diese Musik-Richtung zu einseitig, die konventionelle Tanzmusik lehnten sie sowieso ab. In Großbritannien hatten sich um diese Zeit Gruppen gebildet, die gemeinsam Musik machten, die vielen Jugendlichen gefiel. Mit den „Beatles“ und den „Rolling Stones“ machten auch die damals bekanntesten Gruppen ihre ersten Versuche.

Mit dem Titel „She Loves You“ von den „Beatles“ begann die „Beat-Ära“ ihren Siegeszug um die Welt. Ihre Frisur („Pilzköpfe“), die Schlaghosen – alles wurde nachgemacht. Im Rundfunk und Fernsehen der DDR war diese Musik damals noch nicht zu hören. Erst mit dem Deutschlandtreffen 1964 änderte sich das – ein Sender wurde nur für dieses Treffen eingerichtet – DT 64. Jetzt konnte man auch auf diesem Sender „Beat“-Musik hören. Nach dem Treffen wurde der Sender wieder abgeschaltet, wegen seiner Beliebtheit aber bald als ständiger Sender bis zur Wende eingerichtet.

Ansonsten hörten wir Beatmusik von „Radio Luxemburg“, „Sender Prag“ (mit dem Titel „Jailhouse Rock“ von Elvis Presley als Erkennungsmelodie) auf Kurzwelle mit ständigem Nachregeln des Senders am Radio, weiterhin „Europawelle Saar“, „AFN“ und die von der DDR gesteuerten Sender „Freiheitssender 904“ und „Deutscher Soldatensender“ auf Mittelwelle. Das Angebot auf UKW war 1963/64 noch eher dürftig. Neben DT 64 war in Wohlsborn HR 3 und BFBS (britischer Soldatensender), meiner Erinnerung nach, zu empfangen.

Im Internat der EOS in Bad Berka, die ich bis zum Abi 1965 besuchte, waren die Empfangsverhältnisse ähnlich, man durfte sich allerdings nicht erwischen lassen. In der 12. Klasse hatten wir im Internat ein Tonbandgerät (ein BG 19 „Smaragd“), mit dem wir nun, heimlich, Beatmusik aufnehmen konnten und in der Freizeit nach „Hippi, Hippi Shake“ von den „Swinging Bluejeans“, „Rock`n Roll Musik“ von den „Beatles“ oder „Skini Mini“ von Roy Orbison „verrückt“ tanzten.

In Wohlsborn war im Backhaus über dem Raum mit dem Backofen ein Jugendzimmer eingerichtet worden, in dem wir Tischtennis oder Karten spielen oder auch Musik hören konnten. Dazu diente ein Röhrenradio, an den wir auch einen Plattenspieler anschließen konnten. Dann legten wir Platten auf, vorwiegend Singles. Das war etwa ab Herbst 1964 üblich. Schallplatten mit Beatmusik zu beschaffen, war gar nicht so einfach. Mein Großvater durfte 1964 erstmals wieder in die BRD zu seinem Sohn fahren und brachte mir eine Single-Schallplatte mit: „Don`t ha, ha“ von Casey Jones and his Engineers und außerdem hatte ich die Platte „Motor Biene“ von Benny Quick. Diese Platten wurden nun immer wieder abgespielt (und existieren noch heute!).

Damals gab es auch einen Versandhandel des Tschechoslowakischen Kulturzentrums in Leipzig, bei dem ich einige Platten bestellte. Insgesamt steuerte ich im Laufe der Zeit 19 Platten zu unseren Treffen bei. Dabei wurde natürlich auch unkonventionell getanzt. Das kam nämlich noch dazu: die Standardtänze waren nicht mehr gefragt. Der „Twist“ war die Grundlage für das Tanzen nach der Beatmusik. In der Tanzstunde wurde dieser Tanz auch schon gelehrt. Öffentlich gab es aber kaum Gelegenheit, danach zu tanzen.

In Weimar war es das Jugendklubhaus „Walter Ulbricht“ („Ami“), in dem erstmals Beat-Tanzveranstaltungen durchgeführt wurden. Erst mit Beginn 19.00 oder 20.00 Uhr, später kam der „Tanztee“ um 15.00 Uhr dazu, weil die Jugendlichen, die nach dieser Musik tanzen wollten, immer jünger wurden. Es spielten solche Bands wie z.B. „Polars“ aus Gotha oder „Hitband Zeitz“. Das waren totale Gegensätze zu den Kapellen die Schlager spielten, wie „die Orions“, „die DS-Combo“ oder „Trumpf As“. Während der Himmelfahrtskutschfahrt der Wohlsborner Jugend, an der auch Klaus-Dieter Hasse und mein Bruder Hartmut teilnahmen (ich musste fürs Abi büffeln), kamen sie in einem Ort zu einer Probe der Beatgruppe „Dollars“. Dieter und Hartmut waren von mir mit dem Beatvirus infiziert worden und fanden diese Lifemusik gut.

Die Idee, in Wohlsborn eine Tanzveranstaltung mit einer „Beatgruppe“ zu organisieren, war geboren. Nun war das einfacher gesagt, als getan. Es musste ein Tanzschein bei dem VPKA beantragt werden, der nur bearbeitet wurde, wenn ein Tanzsaal nachgewiesen werden konnte. Das war für uns der Saal der Gaststätte „Zur Erholung“(Strobach, Artur) Die Band musste eingestuft sein. Es gab vier Klassen: Unterstufe, Mittelstufe, Oberstufe und Sonderstufe. Entsprechend dieser Einstufung konnte eine Band dann auch ihre Honorarforderung stellen. Die Kapelle musste eine Liste der gespielten Titel und von welchem Künstler zur AWA (Anstalt zur Wahrung der Aufführungsrechte) einreichen, natürlich mit dem Verhältnis 60:40. Das war das Verhältnis Osttitel zu Westtitel. Es durften alle Titel gespielt werden, außer solche, die mit VE gekennzeichnet waren. (VE heißt verbotene Einfuhr) Veranstalter musste die FDJ sein.

Natürlich gab es eine FDJ-Gruppe in Wohlsborn, aber vor allem wegen der Tanzveranstaltungen. Die Bekanntmachung der Veranstaltung erfolgte in der Zeitung (Das Volk und TLZ) sowie auf selbst angefertigten Plakaten. Das alles war erfüllt, als die erste Tanzveranstaltung dieser Art in Wohlsborn durchgeführt wurde. Ich zitiere dazu einen Ausschnitt eines Briefes vom 10.08.1965, den ich erhielt, als ich einige Wochen nicht zu Hause war: „Nun habe ich noch eine gute Nachricht für Dich: Ich habe unseren Boys den Vorschlag mit dem Tanz gemacht. Einverstanden waren sie alle – bis auf Ausnahmen. Schwierigkeiten machte jedoch die Vorsilbe „Beat“. Die meisten wussten nichts damit anzufangen und außerdem ist es für sie „Neuland“. Schließlich setzten Dein Bruder und ich durch, dass wenigstens auf den Plakaten Beat-Ball und in der Zeitung Jugendball steht, wegen des Tanzscheines. Da Du erst am 19.8. zurückkommst, habe ich den 21.8. als Termin vorgeschlagen und fand Zustimmung. Wir haben eine Kapelle mit „Beatcharakter“ (2 Gitarren, Schlagzeug usw.). Es kennt sie bisher keiner von uns, doch sie hat schon im Jugendklubhaus gespielt und wir setzen alle Hoffnungen in sie. Sie heißt „Die fünf Ducks“. Auf die Plakate schreiben wir: „The five Ducks“. Klingt mehr englisch.“

Der Tanzabend wurde tatsächlich ein voller Erfolg. Deshalb sollte am 18.9.65 der nächste Tanz mit dieser Gruppe sein. Das war jedoch nicht möglich, weil auf dem Saal der Gaststätte Getreide getrocknet wurde und weil der Saal zu kurzfristig bestellt wurde. Dadurch war der Termin für die Fassbierlieferung überschritten. Wegen der Haltbarkeit des Bieres musste dieser Termin eingehalten werden. Die Brauerei braute kein Bier auf Vorrat. Da die Gruppe für die nächsten Wochen ausgebucht war, wurde als nächster Termin der 9.10. geplant, was jedoch auch nicht ging, weil am 10.10. Wahlen zur Volkskammer waren. Der 16.10. wurde von der Jugend abgelehnt, weil dann nur wenige Wochen bis zur Kirmes verblieben. Somit fiel eine Fortsetzung erst mal aus.

Später wurden immer wieder Jugendtanzveranstaltungen auf dem Saal der Gaststätte „Zur Erholung“ durchgeführt, die meist große Erfolge waren. Wann in Wohlsborn Tanztees veranstaltet wurden, war nicht konkret zu ermitteln. Manche meinen im Herbst 1965, andere sagen, erst ab Mai 1966. Auf alle Fälle hat die Gruppe „The Relations“, in der K.-D. Hasse mitspielte zu einem Tanztee in Wohlsborn gespielt.

Solche Veranstaltungen waren bald in vielen Dörfern zu erleben, ihre Zeit war allerdings bereits Anfang der 70er vorbei, wogegen Jugendtanz am Abend auch die Kirmes erobert. Einen Höhepunkt erlebte Wohlsborn im Juni 1969 zur 700 Jahrfeier. Die Kirmesjugend organisierte an zwei Wochenenden Jugendtanz: am 21.6. Tanztee mit den „Türmers“ und am 28.6. mit den „Polaris“. Dafür war uns der Saal zu klein und so kamen wir auf die Idee, die Halle der LPG (jetzt MBW) als Tanzhalle her zu richten. Die LPG gab uns die Erlaubnis und nach einigen Tagen harter Reinigungsarbeiten war die „Festhalle“ fertig und die Veranstaltungen darin sehr gut besucht.

Bei den Gesprächen zu diesem Beitrag wurden viele Erinnerungen bei meinen Gesprächspartnern geweckt, konkrete, belegbare Fakten waren jedoch nicht mehr abrufbar. Deshalb will ich versuchen, zu dieser Thematik weiter zu recherchieren und einen weiteren Beitrag dazu schreiben.